Nürnberg - Deutschland steht, so verkünden es viele, vor dem Niedergang. Und es gibt genug zu tun. Aber: Einige Signale stehen auf Wachstum. Eine moderate Tarifrunde kann ihn stützen. Es lohnt, sich auf alte Stärken zu besinnen, kommentiert Alexander Jungkunz.
24.09.2026 14:10 Uhr

Das können sie, die Profiteure der schlechten Laune: Sie befeuern diese Stimmung, um damit Stimmen zu sammeln. Niemand beschwört den angeblichen Untergang Deutschlands so düster und professionell wie die Rechtspopulisten von der AfD. Und sie treffen damit einen Zeitgeist der Verzagtheit und Resignation, bei manchen auch der Wut.

Blöd nur, dass die Apokalypse erst mal ausbleibt. Denn gerade in den letzten Wochen zeigen etliche Meldungen: Die immer noch drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist stärker und robuster, als viele glauben und manche hoffen.

Das Mini-Wachstum entsteht auch durch die Konjunkturpakete

Gerade erst haben Ökonomen ihre Konjunkturprognose fürs laufende Jahr leicht erhöht. Der leichte Aufschwung, der schon seit Ende 2025 verzeichnet wird, könnte 2026 auf 1,3 und 2027 auf 1,1 Prozent klettern, dann sagen die Experten eine Abschwächung voraus.

Dieses Mini-Wachstum entsteht auch durch die gewaltigen Konjunkturpakete des Staates für Infrastruktur und Verteidigung, ist also nicht selbsttragend. Und die Auswirkungen von Stellenabbau oder Werksschließungen, vor allem in der Automobilindustrie, etwa auch auf Zulieferer hier in der Region, sind noch längst nicht durchgeschlagen.

Doch Start-ups boomen: Noch nie wurden so viele Unternehmen mit innovativen Geschäftsideen gegründet wie 2026 - vor allem dank Künstlicher Intelligenz samt ihrer Chancen und (Job-)Risiken. Deutschlands Exporte sind trotz Trumps Zöllen gefragt, vor allem in Europa.

Da ist eine Rückkehr zu alten Stärken des Standorts Deutschland denkbar. Das waren: gefragte Export-Produkte, besser und daher auch teurer als andere; der wichtige „Vorsprung durch Technik“; gut ausgebildete Fachkräfte und eine geschmeidige Tarifpolitik, die für sozialen Frieden sorgt.

Die Lohnforderung der IG Metall ist durchaus moderat

Daran anzuknüpfen wäre dringlich. Die IG Metall hat nun ihre Lohnforderung aufgestellt, sie will fünf Prozent mehr. Zu hoch, rufen die Arbeitgeberverbände reflexartig. Aber das stimmt nicht. Es ist ja eine Forderung, kein Abschluss - der natürlich spürbar niedriger liegen wird. Daher ist das Ziel durchaus moderat und der Lage angemessen - zumal akzeptable Lohnerhöhungen den Konsum stärken.

Am Samstag ruft der DGB bundesweit - auch in der Region - zu Kundgebungen auf; das Motto lautet „Hart verdient! Deine Arbeit. Deine Gesundheit. Deine Rente.“ Wer dahinter nichts anderes sieht als nervende Beeinträchtigungen eines reibungslosen Stadtbummels, der irrt: Die Gewerkschaften sind, aller oft leichtfertigen Schelte zum Trotz, ein wichtiger Stabilitätsfaktor im Land.

Und: Es wäre besser, sie einzubinden in Entscheidungen. Das hat diese Koalition bisher versäumt. Auch daher haben die vorliegenden Reformpläne teils eine soziale Schlagseite. Es würde sich lohnen, eine Art Neuauflage der „Konzertierten Aktion“ oder ein „Bündnis für Arbeit“ anzupeilen, um dort gemeinsam konsensfähige, gesellschaftlich besser durchsetzbare Reformen auf den Weg zu bringen: für stabilen Aufschwung, gegen den Untergang.