
In der Forschung spricht man vom „lone actor“, dem Einzeltäter, wenn jemand ohne erkennbaren Gruppenbezug oder Mitwisser Attentate, Amokläufe oder Terroranschläge plant. Sollten die Informationen der Polizei stimmen und das Bekennerschreiben echt sein, dann haben wir es bei den Strom-Attentaten in Jänschwalde, Dormagen und Weisweiler sowie an anderen Orten mit einem solchen Typus zu tun.
Was im ersten Moment „harmloser“ klingen mag als islamistische, links- oder rechtsterroristische Anschläge oder hybride Kriegsführung fremder Staaten, das ist in Wahrheit für die Ermittler kaum weniger schwierig, in mancher Hinsicht sogar schwieriger. Denn es gibt keinen Mail- oder Chataustausch, den man verfolgen könnte, keine immer wiederkehrenden Tatmuster und auch sonst wenige unverwechselbare Spuren.
Für die Ermittlungen fehlen Gruppenkontakte und feste Muster
Bei dem Betroffenen soll eine Mischung aus Feindschaft gegenüber fossilen Energieträgern und aus politischen Motiven (Unterstützung Israels durch Deutschland im Gaza-Krieg) der Anlass gewesen sein. Auch solche Kombinationen, von denen sich ein Täter antreiben lässt, machen die Arbeit der Polizei nicht gerade leichter, denn es gibt nicht eine konkret umrissene Unterstützerszene, in der die gesuchte Person zu finden ist.
Eines sei vorweggenommen: Wenn Attentäter verharmlosend darauf hinweisen, sie hätten es ja nur auf Sachziele abgesehen, dann ist das kein nachvollziehbares Argument. Wer die Stromversorgung stört, der nimmt dabei stets billigend in Kauf, dass Menschen zu schaden kommen. Das war auch beim Berliner Attentat im Januar die große Gefahr gewesen, denn viele Kranke und Behinderte sind auf mit Strom betriebene Geräte angewiesen.
Das größte Problem am „lone actor“ ist aber, dass es kaum Prävention gibt. Politisch oder religiös motivierte Täter können deradikalisiert werden oder man kann es zumindest versuchen. Hybriden Angriffen kann man entgegenwirken, indem es den betroffenen Staaten (derzeit vor allem Russland) schwer gemacht wird, Agenten und Saboteure einzuschleusen - oder indem man mit ähnlichen Mitteln darauf antwortet.
Beim Einzeltäter ist das nicht möglich. Er radikalisiert sich im Stillen, allenfalls mit gewissen Andeutungen gegenüber seinem Umfeld. Man kann ihn im Vorfeld kaum bremsen. Die moralische Überlegenheit, die er für sich in Anspruch nimmt, führt zudem zu einem völlig rücksichtslosen Verhalten.
Heillos überforderte Behörden müssen einen weiteren Tätertyp ins Auge fassen
Dem Innenministerien, der Polizei, dem Verfassungsschutz und der Kriminologie wird nichts anderes übrig bleiben, als auch diesen Tätertypus noch näher zu erforschen und wenigstens ansatzweise so etwas wie wiederkehrende Muster herauszuarbeiten. Und das, obwohl die genannten Stellen bereits heillos überfordert sind mit den anderen Tätergruppen. Keine Perspektive, die uns beruhigen könnte.


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