
Sebald Schreyer (1446 bis 1520) hätte an der Schreyerstraße in Gostenhof, die seit 1898 seinen Namen trägt, gewiss Gefallen gefunden. Schließlich war Albrecht Dürers Zeitgenosse ein ausgesprochener Kunstfreund. Seinen luxuriösen Lebensstil als Buchsammler, Mäzen und Humanist finanzierte er sich mit den Einnahmen aus zuletzt 60 (!) Mietshäusern, die er in der Altstadt besaß. Die waren freilich ein wenig bescheidener dimensioniert als die – gleichwohl sehr prachtvollen – Bauten, die heute die Seiten der Vorstadtstraße säumen.
Um 1910 hatte sich die großstädtische Bebauung bis zum südlichen Ende der Schreyerstraße vorgearbeitet. Auf der Ostseite der Straße klaffte zwischen den Eckhäusern an der Knauer- und der Hessestraße noch eine Lücke. 1912 füllten der jüdische Architekt Albert Mayer (1879 bis 1934) und sein christlich getaufter Sozius Leonhard Stolz den Grund mit zwei prächtigen Mietshäusern auf. Die Fassaden des Doppelhauses Nr. 21/21 a veredelten sie mit zwei mächtigen Kastenerkern, Terrassen mit Kunstschmiedegeländern, malerischen Zwerchhäusern und Giebelgauben im damals hippen Jugendstil. Die Reliefs in den Lisenen, den Keilsteinen über den Parterrefenstern und unter den Obergeschossfenstern zeigen ein Füllhorn und Vögel bei der Futtersuche, bei Nestbau und Brutpflege und ein Eichhörnchen. All dies sind Motive, die man etwa im zeitgenössischen Reformschulhausbau als Symbole der Fürsorge und des Fleißes findet.
Bis heute haben Fassade und Dach wenig von ihrem Reiz verloren. Das schöne Tor zum Innenhof ist noch an Ort und Stelle. Hinter den prunkvollen Fassaden erstreckten sich schon zur Bauzeit pro Etage zwei großzügige Fünfzimmerwohnungen mit privaten Bädern und Toiletten. Die Innenausstattung mit den durchfensterten Wohnungstüren und der Eichentreppe ist zu großen Teilen im Original erhalten, und selbstredend sind die beiden Häuser als Einzeldenkmale geschützt.
Bauherrin der Häusergruppe war die Hopfengroßhandlung Steinlein & Co., die im Rückgebäude des Anwesens Nr. 21 Kontor und Lager einrichtete. Um die vorletzte Jahrhundertwende war Nürnberg der größte Hopfenhandelsplatz der Welt. Die meisten Großhandlungen tummelten sich in Gostenhof und der Marienvorstadt. Später betrieb Philipp Marx im Haus eine Handlung für Papierwaren und Karnevalsartikel.
Wie die jüdische Familie Steinlein so musste auch Marx 1936 vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten fliehen. Die Hopfengroßhandlung, die wegen der Konkurrenz aus Oberbayern und den USA ohnehin zuletzt schwer zu kämpfen hatte, fiel der „Arisierung“ zum Opfer. Nach dem Krieg klagten Carl, Hella, Frida und Fritz Steinlein erfolgreich auf Rückgabe ihres Lebenswerks, das sich die Konkurrenten Köster & Braune angeeignet hatten.
Heute liegt längst kein Hopfenduft mehr in der Luft. Abgesehen von einem Unternehmen, das Hinweissysteme ersinnt und herstellt, ist das Ensemble ein reines Wohnhaus. Wenige hier werden sich daran erinnern, dass es dereinst das Gemeinschaftswerk eines interkonfessionellen Planergespanns war und ein Denkmal jüdischen Unternehmergeistes mitten in Gostenhof.
Haben Sie alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Kressengartenstraße 4, 90402 Nürnberg; per E-Mail: [email protected].
Aufwändig recherchierte Artikel wie dieser sind in der Regel nur für Abonnenten lesbar – als besonderes Geschenk stellen wir diesen Text aber allen Nutzern zur Verfügung. Alle exklusiven Inhalte lesen Sie hier auf NN.de






Keine Kommentare