
Frau Müller, ein schlechtes Zeugnis ist immer auch ein Schock, selbst wenn man die Arbeiten zuvor unterschrieben hat oder kannte. Warum ist das so?
Tatsächlich ist es so, dass viele Eltern und Schülerinnen und Schüler das Thema Schule und Noten nicht immer so im Fokus haben, was ja auch sinnvoll ist, da das Leben eines Kindes nicht nur aus Schule bestehen sollte; gelegentlich hoffen auch manche, dass es, insbesondere bei Schulleistungsschwierigkeiten, am Ende noch gut ausgehen wird, also tatsächlich den Notenstand ignorieren. Ein schlechtes Notenbild dann tatsächlich schwarz auf weiß zu sehen, nehmen leider viele Kinder und Eltern als Versagen wahr, dabei werden die Anstrengungen und die Motivationslage des Kindes über das Schuljahr hinweg viel zu wenig gesehen. Sinnvoll wäre es auf jeden Fall, mit den Lehrkräften des Kindes während des Schuljahres regelmäßig bezüglich des Leistungs- und Entwicklungsstandes in Kontakt zu bleiben, sodass die eigentliche Benotung am Zeugnistag keine große Überraschung oder gar einen Schock mehr darstellt.
Schimpfen oder trösten? Wie sollten Eltern am besten reagieren?
Schimpfen ist nie eine hilfreiche Strategie, da schlechte Noten ja nicht durch das Kind beabsichtigt waren und das Kind in der Regel selbst schon negative Gedanken hat. Durch Vorwürfe werden die Noten auch nicht besser! Vielmehr geht es darum, den Glauben an die eigenen Fähigkeiten, sowie die Leistungsmotivation des Kindes wieder aufzubauen und es dazu zu bewegen, mit Zuversicht auf das kommende Schuljahr zu schauen, kurzum: Trösten und Mut machen!
Kann man den Zeugnistag auch in so einem Fall feierlich begehen, etwa mit einem gemeinsamen Eis?
Der Zeugnistag läutet ja auch den Beginn der langersehnten Sommerferien ein, was sicherlich ein Grund zum Feiern ist, und Eis geht - gerade bei diesen Temperaturen- natürlich immer.
Hat sich das Kind dennoch auch eine kleine Belohnung verdient?
So genannte extrinsische Motivationsmittel wie Belohnungen sind am Zeugnistag üblich und sicherlich auch im angemessenen Maße sinnvoll, um die Anstrengungen der Schülerinnen und Schüler während des Schuljahrs zum Schuljahresabschluss zu belohnen. Motivationsfördernder wäre es allerdings, nicht das Ergebnis, also das Zeugnis, zu belohnen, sondern die erfolgreich bewältigten Etappen des Lernens und Verstehens im Laufe des Schuljahres. Hier ist ein einfaches – vielleicht viel zu selten eingesetztes – verbales Lob durch Eltern und Lehrkräfte oft viel wirkungsvoller als materielles Belohnen. Ziel ist es, dass das Kind langfristig nicht den Glauben an die eigenen Fähigkeiten verliert.
Die Ferien sind lange, sollten diese auch zum Lernen genutzt werden?
Gerade die Sommerferien sollten zunächst eine Zeit der Erholung und des Krafttankens sein, weniger durch "Muss" als durch "Kann" bestimmt. Gegen Ende der Ferienzeit jedoch macht es Sinn, gegebenenfalls bestimmte Vorwissenslücken, etwa im Wortschatz der Fremdsprachen, zu schließen, also den Stoff des vergangenen Jahres insbesondere in den Problemfächern nochmals zu wiederholen, beispielsweise täglich ein bis zwei Stunden.


