Nürnnberg - Friedrich Merz steckt tief in der (Vertrauens-)Krise. Dabei müsste der Kanzler nur anderen beim Reden zuhören. Bundestrainer Jürgen Klopp zum Beispiel. Ein Kommentar von NN-Chefredakteur Michael Husarek.
22.09.2026 12:29 Uhr

Ginge es nach dem Kanzler, würde sich das politische Berlin kräftig schütteln und dann wie gewohnt weitermachen: Die Reformen, das hat Friedrich Merz wenige Minuten nach Schließung der Wahllokale der Nation via TV-Auftritt klar gemacht, stehen nicht zur Disposition.

Gut, als kleines Zugeständnis hat der CDU-Chef einen Tag später einfach mal so die private Krankenversicherung zur Disposition gestellt - und wurde da kurz darauf von seiner Partei eingebremst. Erneut eine Panne. Die Gefühlslage der Menschen im Lande treffen Durchhalteparolen schon lange nicht mehr. Umso erstaunlicher, dass Merz, ein von Heerscharen hochbezahlter Kommunikationsberater umgebener Regierungschef, nicht konsequenter an seiner Performance arbeiten kann oder will.

Spätestens die jüngsten Landtagswahlen könnten als Blaupause dienen

Spätestens die jüngsten Landtagswahlen könnten als Blaupause dienen, wie erfolgreich eine Verbindung zu den Wählerinnen und Wählern aufgebaut werden kann. In Berlin haben erstaunlich viele ihr Kreuzchen bei der Linken gemacht - weil deren Spitzenkandidatin Elif Eralp auf der Gefühlsebene einen Zugang gefunden hat, indem sie das Thema Mieten zur Kernfrage erklärt hat. So gewinnt man Zustimmung.

Drei Wochen vorher hat AfD-Wahlsieger Ulrich Siegmund mit seiner Ostalgie-Tour ebenfalls einen sehr emotionalen Wahlkampf erfolgreich zu Ende gebracht. AfD und Linke haben mit ihren Versprechen Hoffnungen geweckt und jüngere Zielgruppen für sich begeistert. Auch SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig konnte als „Frau gegen Blau“ deutlich mehr punkten als ihr das mit Sachthemen gelungen wäre.

Und Merz? Verkauft Reformen als unabdingbar. Das ist in etwa so als wenn hungrige Gäste wahlweise in ein gutes Restaurant gehen könnten oder auf eine Scheibe trockenes Brot zurückgreifen müssten. Merz befindet sich leider in bester Gesellschaft: Den Parteien der Mitte, egal ob Union, SPD oder Grüne, gelingt es seit geraumer Zeit nicht mehr, den Bürgerinnen und Bürgern eine Erzählung zu präsentieren, die mehr beinhaltet als das Umsetzen von notwendigen Reparaturarbeiten an den Sozialsystemen.

Wie Menschen emotional zu erreichen sind, zeigt der neue Bundestrainer Jürgen Klopp. Mit seinem Werben für einen positiven Patriotismus hat er mehr erreicht als viele Brandmauer-Redner. „Ich würde mir oder uns gerne die Fahne zurückholen, wenn ich ganz ehrlich bin“, sagte der 58-Jährige. Die deutsche Flagge solle wieder gezeigt werden können, ohne dass dies politisch missverstanden werde.

Es braucht Größeres - eine Perspektive, die über die reine Mangelverwaltung hinauszielt

So einfach kann eine Ansprache sein, die Wirkung zeigt. Es sind genau solche verständlich formulierten Botschaften, an denen die Bundesregierung es lange mangeln ließ. Mit Blick auf die Landtagswahlen 2027 bliebe noch hinreichend Zeit, um dazuzulernen. Einfach nur Reformen durch den Bundestag bringen zu wollen, wie Merz es skizziert hat, das wäre gewiss der falsche Weg. Es braucht Größeres - eine Perspektive, die über die reine Mangelverwaltung hinauszielt.