Nürnberg - Selbst der Kanzler sprach von einem Desaster - aber er zieht daraus keinerlei Konsequenzen: Friedrich Merz lässt nicht erkennen, dass er aus den Wahldebakeln der CDU lernt. Alexander Jungkunz erkennt in seinem Kommentar Signale für Realitätsverlust.
21.09.2026 09:43 Uhr

Es war eine ganz bewusste Ansage: Wenn ein Kanzler gegen alle ungeschriebenen Regeln an einem Abend mit Landtagswahlen vor die Medien tritt, ist das eine höchst ungewöhnliche Ausnahme - normalerweise stellt sich der Regierungschef am nächsten Tag der Öffentlichkeit.

Friedrich Merz wollte also ein Zeichen setzen, als er nun kurz nach Schließung der Wahllokale vor die Kameras trat. Fragt sich nur: welches? Denn der Kanzler und CDU-Chef sprach selbst - sichtlich getroffen - von einem „Desaster“, räumte auch ein, dass die Bundesregierung daran eine Mitschuld trage („kein Rückenwind“ aus Berlin).

Aber dass er Fehler sieht oder gar einräumt? Dass er irgendwie reagiert auf die da schon absehbare, heftigste Klatsche, die seine Partei in ihrer Geschichte einstecken musste - erstmals in einem Landtag nicht mehr vertreten zu sein? Davon war nichts zu hören. Merz wiederholte lediglich sein Mantra von den (zweifelsohne notwendigen) Reformen. Eine Art „Jetzt erst recht“ - obwohl die Wähler da schon mehr als klar gesagt hatten, dass sie genau dieses „Jetzt erst recht“ so nicht wollen. Sprach‘s - und trat wieder ab. Aber nicht zurück.

Der Hauptgrund des Auftritts: Mich kriegt ihr so schnell nicht los

Und das war wohl der Hauptgrund für diesen raschen Auftritt - vor aller Augen zu sagen: Mich kriegt ihr so schnell nicht los, ich denke nicht an Rückzug - und komme mit dieser Klarstellung allen in der eigenen Partei zuvor, die womöglich genau dies planen: den Kanzlersturz und -wechsel.

In der Wahlnacht trafen sich etliche CDU-Ministerpräsidenten zu einer Extra-Runde - ohne Merz. Und nach dem Doppel-Schock des zweiten Wahltags im September muss sich zeigen, was der eher halbherzige Rückendeckungs-Brief der Regierungschefs für Merz noch bedeutet.

Denn natürlich stellt sich nun die Frage noch massiver, ob der richtige Mann an der Spitze steht. Merz stammt aus der Welt der Finanzwirtschaft - und weiß: Jeder CEO, der so schlechte Ergebnisse liefern würde, wäre seinen Job rasch los. Erst recht dann, wenn er auf veränderte Rahmenbedingungen nicht reagiert und sein Unternehmen empathie- und visionslos führt.

Genau das tut Merz leider. Manuela Schwesig hat in Mecklenburg-Vorpommern vor allem damit gepunktet, dass sie zentrale Punkte jener Reformen ablehnte, die Merz nun erst recht durchsetzen will. Also ist offensichtlich: Es wird nicht ohne Korrekturen gehen - und damit noch weniger von dem, was Merz gern als „CDU pur“ bezeichnete.

„Wir haben verstanden, setzen nun auf mehr soziale Ausgewogenheit“ - so könnte die Botschaft lauten

Wenn diese Koalition, wenn dieser Kanzler überleben will, dann ginge das nur mit einem überzeugenderen Paket, das nun geschnürt werden müsste: Wir haben verstanden, setzen nun auf mehr soziale Ausgewogenheit, bringen unser starkes Land mit Einschnitten, die wirklich alle treffen und nicht vor allem Schwächere, wieder auf Erfolgskurs - so könnte die Botschaft lauten. Ob allerdings Friedrich Merz der Richtige ist, so ein Paket auf den Weg zu bringen, Mut zu machen und Zuversicht zu vermitteln?