Berlin - Die Linkspartei ist der Wahlgewinner von Berlin und wird wohl die nächste Regierung anführen. Harald Baumer bezeichnet das in seinem Kommentar als fatale Entwicklung.
21.09.2026 11:41 Uhr

Es ist relativ wahrscheinlich, dass die Linkspartei die deutsche Hauptstadt regieren wird. Sie hat die Wahl mit großem Abstand vor allen anderen gewonnen und will mit den eher links stehenden Berliner Grünen und Sozialdemokraten zusammenarbeiten. Auch wenn am Ende manches entschärft wird, was bei den Linken während des Wahlkampfs zu beobachten war, wäre das aus sechs Gründen eine fatale Entwicklung.

Erstens: Die Berliner Linke ist nicht vergleichbar mit den Linken, die früher mal hier mitregiert haben und die in Thüringen sogar jahrelang mit Bodo Ramelow den Ministerpräsidenten stellten. Das waren Realos mit Blick für das Machbare, die in vieler Hinsicht mit der politischen Mitte kompatibel waren. Extremisten wurden im Zaum gehalten. Heute geben sie bei Veranstaltungen oft den Ton an.

Zweitens: Ausgerechnet in der Stadt, in der von den Nationalsozialisten der Holocaust geplant wurde, haben die Linken ein erhebliches Antisemitismus-Problem. Mehrere frühere Senatoren traten 2024 ausdrücklich deswegen aus. „Intifada“-Rufe waren bei einer offiziellen Wahlkampfveranstaltung in Berlin von der Bühne zu hören, im Bezirksverband Neukölln sind die Sympathien für die Palästinenser und der kaum differenzierte Hass auf Juden und Israel nicht zu übersehen.

Drittens: Dass ausgerechnet der berüchtigte Clan-Chef Issa Remmo die Wahlparty der Linken in Neukölln besuchte, kann man zwar nicht unmittelbar der Partei anlasten, die ihn nach eigenen Angaben zum Gehen aufforderte. Aber sein Zitat, er fühle sich „in Deutschland erstmals von einer Partei unterstützt“, muss einem zu denken geben. Bei CDU und SPD, die zuletzt durchaus Erfolge im Kampf gegen die Clan-Kriminalität hatten, hätte Remmo das wohl nicht gesagt.

Viertens: Für viele Opfer des DDR-Regimes dürfte es schwer erträglich sein, dass nun in der ehemaligen Stadt der Mauer die Linke, aus SED und später PDS/WASG entstanden, nicht nur einige Minister stellen könnte, sondern auch das Stadtoberhaupt. Die Symbolkraft einer solchen Entwicklung ist nicht zu unterschätzen.

Fünftens: Die weitreichenden Enteignungspläne der Linken gegen die Wohnungskonzerne könnten die klamme Hauptstadt finanziell in schwere Bedrängnis bringen. Die Kosten dafür werden auf bis zu 30 Milliarden Euro geschätzt, ohne dass auch nur eine einzige Immobilie neu gebaut, sprich: die Wohnungsnot verkleinert, würde.

Sechstens: Die Berliner Linke und ihre Spitzenkandidatin verfügen über nahezu keine Regierungserfahrung - auch deswegen, weil ihr (wie beschrieben) frühere Führungskräfte den Rücken gekehrt haben. Und ausgerechnet sie sollen nun einer Dreier-Regierung vorstehen, was politisch als höchst kompliziert gilt.

Die deutsche Hauptstadt geht schwierigen Zeiten entgegen. Die Berliner wollten es so. Sie haben die Linken mit dem Mandat ausgestattet, die anderen Parteien zu Sondierungs- und Koalitionsverhandlungen einzuladen. Das wird jetzt auch geschehen.