Nürnberg - Am Sonntag wird nicht nur in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern gewählt: Auch Putin lässt in Russland wählen. Dabei zeigt sich der Unterschied von Demokratie und Diktatur drastisch, kommentiert Alexander Jungkunz.
19.09.2026 06:00 Uhr

Alles blickt am Sonntag auf die beiden nächsten regionalen Wahlen in Deutschland, in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern. Dass parallel dazu, vom 18. bis 20. September, auch in Russland gewählt wird, geht dabei fast unter - was auch an der unterschiedlichen Wirkung dieser beiden krass verschiedenen Wahlen liegt.

In Deutschland können die Abstimmungen bis hin zum Sturz von Bundeskanzler Friedrich Merz führen. Er muss fürchten, dass seine Gegner ihn ablösen, mit den Verfahren einer Demokratie. In Russlands Diktatur kerkert Putin Feinde ein oder lässt Widersacher aus dem Fenster stürzen.

Es steht sehr viel auf dem Spiel - bei uns. In Russland ändert die Wahl: nichts.

Bei uns steht sehr viel auf dem Spiel: Stellt in Berlin mit der Linken eine Partei die Bürgermeisterin, die antisemitische Töne duldet und Enteignungen anpeilt? Setzt die AfD ihren Aufstieg fort? Oder schafft in Schwerin Manuela Schwesig die Sensation und gewinnt die Aufholjagd gegen die Blauen? Dann wäre sie nahezu gesetzt als neue SPD-Hoffnungsträgerin.

Wahlen entscheiden in Demokratien über Schicksale und den Kurs des Landes. So ist das in Demokratien. Da kann so eine Abstimmung sogar dazu führen, dass Parteien an oder in die Nähe der Macht kommen, die diese Art der Demokratie abschaffen oder einschränken wollen. Verboten jedenfalls ist die AfD nicht, darüber wird seit Jahren in Deutschland lediglich debattiert.

In Russland wurde dagegen ohne viel Federlesens die einzige Partei von der Wahl ausgeschlossen, die Widerspruch gegen Putin wagt: Nur Jabloko - eine 1993 nach den Anfangsbuchstaben ihrer drei liberalen Gründer benannte Gruppierung - lehnt den Angriffskrieg gegen die Ukraine ab. Erst ließ das Regime die Partei zur Wahl zu - bis zum erwarteten Ausschluss des „Apfels“, was Jabloko auf Russisch bedeutet.

Es ist die erste „Wahl“ nach Beginn des Krieges. Und alle anderen zugelassenen Parteien sind für dessen Fortsetzung. Die im Parlament - ein reines Abnick-Gremium - vertretenen Parteien unterstützen den Kremlkurs nahezu geschlossen. Wer sich kritisch gegenüber dem Krieg äußert, steht unter Druck und Beobachtung. Auch in den von russischen Truppen besetzten Gebieten in der Ukraine lässt Putin wählen - Soldaten kontrollieren mit vorgehaltenen Maschinengewehren, dass auch jeder seine Stimme abgibt. Dass in Russland selbst lediglich um die 50 Prozent der Wahlberechtigten abstimmen dürften, zeigt: Sie wissen, dass ihr Votum null bewirkt. Die meisten gehen trotzdem aus Angst ins Wahllokal, weil Nichtwähler verdächtig sind.

Autokraten sind nicht bereit, Macht abzugeben, daher verhindern oder verbieten sie freie Wahlen

Auch Donald Trump arbeitet an der Einschränkung echter Wahlen und versucht, sie durch jede Menge Tricks und Rechtsbeugungen abzuschaffen oder zur Republikaner-Dauerbestätigung umzuwandeln. Missliebige Wahlformen wie die Briefwahl werden diskreditiert. Autokraten sind nicht bereit, Macht abzugeben - daher verhindern sie freie Wahlen. Was für ein Glück, dass es sie bei uns gibt! Es gilt, das Recht auf freie Wahlen zu schätzen und daher auch zu verteidigen.