Nürnberg - Es war der nächste Pisa-Schock: Vor ein paar Tagen alarmierten die neuesten Erkenntnisse über das Schulwissen der Deutschen - es ist noch schlechter geworden. Vieles hängt an der schwindenden Lesefähigkeit, kommentiert Alexander Jungkunz.
16.09.2026 11:51 Uhr

Die Ergebnisse waren eindeutig - und alarmierend: Das Können der deutschen Schülerinnen und Schüler in Mathematik, Naturwissenschaften und im Lesen sank auf ein historisches Tief. Ein Drittel der Neuntklässler kommt beim Lesen nicht übers Grundschulniveau hinaus.

Ein Trend, der sich mit steigendem Alter fortsetzt. Lehramts-Studenten (weniger Studentinnen: Frauen lesen mehr als Männer) tun sich zusehends schwer mit dickeren Büchern. Goethe oder die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann könne man kaum mehr behandeln, ist zu hören. Das bedeutet: Künftige Lehrkräfte, die bei jungen Menschen die Lust an Literatur und am Lesen wecken sollen, sind selbst oft gar nicht mehr in der Lage, Literatur zu genießen oder wenigstens zu konsumieren.

Wer Texte nicht erfassen kann, steht vor einem Berg von Problemen und auch Gefahren

Das ist allerdings nur ein Aspekt der Tatsache, dass viele nachweisbar das Lesen verlernen. Wer sich schwer tut, Texte zu erfassen, steht vor einem Berg von Problemen im Alltag. Kann er Infos von Behörden - nicht immer leicht verständlich geschrieben - verstehen? Wenn nein, drohen Benachteiligungen, bei unverstandenen Warnungen sogar Gefahren.

Nun stehen wir Deutschen nicht allein da bei diesem Trend schlechterer Leistungen. Der ist weltweit zu beobachten. Eine globale Bildungskrise. Die übrigens auch politisch brisant ist: Wer Texte schwer versteht sowie deren Herkunft und Entstehung nicht verfolgen kann, wird viel leichter anfällig für Propaganda und Fake News - und die werden mit Hilfe von KI noch viel leichter und gezielter aussendbar.

Etwa seit dem Jahr 2010 registrieren Lehrer sinkende Aufmerksamkeitsspannen. Und seitdem ist auch messbar, dass der IQ in vielen Ländern nicht mehr steigt, sondern stagniert oder sinkt - erstmals seit der Einführung dieses Messquotienten für Intelligenz. Heißt konkret: Wir sind dabei, zu verblöden.

Ein Grund ist, das vermuten viele Experten, das Smartphone, das 2007 seinen Siegeszug antrat - und mit ihm Social Media. Ein Zeitfresser: Wenn Jugendliche vier Stunden am Tag ins Handy schauen, wird das Budget fürs Lesen längerer Texte einfach immer knapper.

KI verschärft das Problem. Wir lagern Denken aus, bekommen aber weniger Originalität

KI verschärft das Problem: Wir lagern Denken aus an eine vermeintliche Intelligenz, die aber die menschliche nicht ersetzen kann. Denn KI setzt aus einer ungeheuren Masse an Textbausteinen lediglich meist die nachvollziehbarste, naheliegendste Antwort zusammen, sie denkt eben nicht. Was dabei herauskommt, ist zunächst sehr ähnlich und entspricht oft den - dann erfüllten - Erwartungen des Fragestellers. Die Folge: Wer das Denken an die KI abgibt, verengt die Ergebnisse. Auf der Strecke bleiben Originalität und wildes Denken - häufig der Beginn von Fortschritt.

Ohne Training schwinden Muskeln - das gilt auch fürs Gehirn. Und: Wer viel liest, ist/wird intelligenter. Daraus müssten Eltern, junge Menschen selbst und die Politik - ja, genau: lernen. Handy-Auszeiten anordnen. Den Umgang mit Inhalten lehren. Und vor allem: Lust aufs Lesen machen.