Nürnberg - Sachsen-Anhalt hat gewählt. Gibt es jetzt ein politisches Beben? Was das Ergebnis für die politische Landschaft in Deutschland bedeutet, kommentiert NN-Chefredakteur Michael Husarek.
06.09.2026 19:50 Uhr

Zäsur für Deutschland: In Sachsen-Anhalt wurde nicht nur ein neuer Landtag gewählt, sondern das politische Klima der Bundesrepublik womöglich nachhaltig beeinflusst. Mindestens ist eine der scheinbar unangetasteten Konstanten der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte nun Geschichte. 80 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur holt eine rechtsextremistische Partei (der Landesverband Sachsen-Anhalt ist so eingestuft) bei Landtagswahlen in Deutschland deutlich mehr als 40 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen.

Seit langem versuchen AfD-Vertreter auf der Bundesbühne oder in Landesparlamenten unser politisches System an seine Grenzen zu bringen, indem sie bewusst provozieren und anecken, sich über Institutionen und Akteure der politischen Mitte lustig machen oder sie gar beleidigen. In Sachsen-Anhalt geht es nun einen Schritt weiter: Die AfD ist nurmehr sehr knapp von der absoluten Mehrheit im Landtag entfernt.

Allen haltlosen Wahlversprechen, allen Minderheiten ausgrenzenden Aussagen und dem in Teilen völkischen Denken, allen Warnungen zum Trotz, setzen sehr viele Menschen auf die AfD. Politik ohne die rechtsextreme AfD zu machen, kommt angesichts dieses Wahlausgangs der Quadratur des Kreises gleich.

Dieses Ergebnis ist ein bedrohliches Signal für Deutschland. Ein Zufall ist dieser Erfolg nicht. Denn mit Ulrich Siegmund als Spitzenkandidat hat die AfD einen exzellenten Wahlkampf hingelegt, den anderen Parteien war sie jedenfalls meilenweit voraus - die AfD mobilisierte mehr Menschen, sie fand den besseren Zugang über Social Media. Die hohe Wahlbeteiligung von rund 80 Prozent ist vor allem dieser Kampagne zuzuschreiben.

Mit einer Mischung aus Ostalgie und einer großen Nähe zu den Menschen in Sachsen-Anhalt hat sich die radikale Partei als eine Art Volksversteher inszeniert - unfreiwillig unterstützt durch einen Bundeskanzler und eine Bundesregierung, die es den Populisten leicht gemacht haben, über „die da oben“ in Berlin zu schimpfen.

Einzigartiger Vorgang: Kanzler Merz im Wahlkampf versteckt

In der Tat dürfte es einzigartig gewesen sein, dass Kanzler Friedrich Merz, immerhin CDU-Chef und somit Parteifreund des amtierenden Ministerpräsidenten Sven Schulze, ein unausgesprochenes Wahlkampfverbot auferlegt worden ist. Wenn Merz kam, wurde er tunlichst von den Menschen ferngehalten. Volkes Zorn, das darf vermutet werden, hätte unschöne Bilder produzieren können.

Für die CDU und für Merz stehen nun schwere Wochen an: Zerreißt es die Partei? Für diese Annahme gibt es gute Gründe: Scheren einzelne Abgeordnete aus und sprechen sich für eine Zusammenarbeit mit der AfD aus, würde dies ein politisches Beben mit ungewissem Ausgang nach sich ziehen. Ähnliches gilt für den Fall eines Anti-AfD-Bündnisses, das auf Unterstützung der Linken angewiesen ist.

Die CDU befindet sich - mehr als Grüne und SPD, die beide dank taktischer Stimmen aus dem konservativen Lager sicher im Magdeburger Landtag bleiben - in einer Zwickmühle. „Es geht darum, diese Zeichen zu erkennen“, sagte Wahlverlierer Sven Schulze - eine klare Botschaft in Richtung Berlin. Dort steht Friedrich Merz enorm unter Druck. Die Halbierung des CDU-Ergebnisses binnen fünf Jahren kann nicht ohne Folgen bleiben. Nur welche Folgen sind das? Ein Weiter-so wird Merz sich nicht leisten können.

Die Parteienlandschaft, das zeigt der Wahlabend in Sachsen-Anhalt, muss sich neu sortieren: Auf Dauer wird es in etlichen Landesparlamenten ohne Linke und ohne AfD nicht funktionieren, stabile Regierungen zu formen. Mit Blick auf die Bundestagswahl 2029 könnte sich ein ähnliches Bild ergeben. Auf den Prüfstand müssen also Unvereinbarkeitsbeschlüsse - vor allem im konservativen Lager. Man mag in Unionskreisen von einer Wahl zwischen Pest und Cholera schwadronieren, wenn es um Kooperationen mit AfD oder der in Sachsen-Anhalt erstaunlich geschwächten Linken geht - bald wird eine dieser Brandmauern wohl fallen müssen.

Ansonsten droht ein weiteres Abrutschen in der Wählergunst. Sachsen-Anhalt hat gezeigt, dass weder ein hartes Durchgreifen bei zentralen Themenfeldern wie der Migration noch die Warnungen vor Rechtsextremismus den AfD-Höhenflug bremsen konnten. Es bleibt deshalb nur eine Neuorientierung.

Ansonsten wird die AfD ihren Kurs fortsetzen und mit starken Wahlergebnissen weiterhin provozieren und parlamentarische Prozesse torpedieren - schon die anstehenden Wahlen zum Landtagspräsidium werden dies zeigen. Der Wahlausgang in Sachsen-Anhalt hebt Deutschland nicht aus den Angeln, sollte jedoch als vielleicht letzter Warnruf auch in Berlin endlich Ernst genommen werden. Und für Kanzler Merz geht nach diesem Wahldebakel auch um die Fortsetzung seiner Kanzlerschaft.