Nürnberg - Gerüchte über Verfehlungen deutscher Politiker, Fake News zur Lage in Ceuta - auf sozialen Netzwerken läuft jede Menge Propaganda. Experten drängen auf Konsequenzen. Alexander Jungkunz schließt sich im Kommentar an und fordert Sucht-Prävention.
04.09.2026 11:29 Uhr

Stellen Sie sich vor, es gibt eine neue Droge. Sie macht vor allem Jugendliche extrem leicht süchtig, nicht nur Eltern berichten von heftigsten Entzugserscheinungen. Diese Droge beeinflusst das Hirn. Sie erschwert komplexes Denken, sie entfacht negative Emotionen wie Wut, Neid und Hass. Sie reduziert bei vielen die Intelligenz. Sie transportiert Falschmeldungen und Gerüchte mehr als Fakten und Daten.

Wie geht ein Staat mit so einer Droge um? Klar: Er verbietet sie, wie Tabak und Alkohol, zumindest für Jugendliche. Er besteuert sie hoch. Er warnt vor ihr mit drastischen Hinweisen. Also müsste vor jedem Klick in den (sogenannten) Sozialen Medien stehen: Achtung, unmäßiges Surfen gefährdet Ihre Gesundheit! Die Anbieter der Dienste müssten enorme Steuern zahlen.

Ein Szenario, wie es sich George Orwell nicht düsterer hätte ausdenken können

Das Gegenteil ist der Fall. Social Media sind gratis (man zahlt mit seinen Daten). Ihre Plattformen zahlen minimal Steuern. Warnungen oder Debatten über den Konsum von TikTok oder Facebook sind selten. Stattdessen starren auch Erwachsene etliche Stunden am Tag auf ihr Handy - klar, dass Kinder das nachmachen. Und süchtig werden.

Eigentlich ein Szenario, wie es sich George Orwell nicht düsterer hätte ausdenken können. Die Gesellschaft, ja mindestens die halbe Welt sieht zu, wie das Netz manche sicherlich schlauer macht, viele aber mit Halbwahrheiten, Lügen oder bewussten Irreführungen füttert.

Es gibt weitere makabre Pointen: Die Kontrolle über die dominierenden Tech-Konzerne, die diese Droge mit unfassbar hohen Gewinnen anbieten und klassischen Medienhäusern das Wasser abgraben, liegt noch dazu in den Händen einer Handvoll Superreicher, die an der Abschaffung der Demokratie zur Maximierung ihrer Macht und Gewinne arbeiten. Und: Diese Tech-Elite verbündet sich mit Autokraten wie Trump und spielt einem Diktator wie Putin in die Hände. Die nutzen die sozialen Netzwerke meisterhaft - und fluten das Netz mit einer Unmenge an Mist. Das Ziel: die Polarisierung, Ablenkung und Spaltung von Gesellschaften.

Der Autor Ahmad Mansour nennt die sozialen Medien daher „Massenvernichtungswaffen“ - weil sie die Demokratie zerstören. Zu alarmistisch? Nein. Der Blick aufs politische Geschehen weltweit zeigt, welche Zeitbombe da tickt. Die KI verschärft die Risiken noch, weil gefälschte Texte und Bilder zum Kinderspiel werden und immer schwerer erkennbar sind.

Die Gefahr der Droge, der Sucht ist erkannt - die Reaktionen sind eher hilflos, aber ein Anfang: In den USA schloss Meta einen Vergleich mit einer Reihe von Bundesstaaten, Kern: die Nutzungszeit von Social Media für Jugendliche wird reduziert. Andere Staaten testen oder erwägen Verbote für unter 16-Jährige. Über eine Digitalabgabe wird nur geredet. Notwendig wären in jedem Fall Regeln und die Klärung von Verantwortlichkeiten: Netz-Anbieter müssten wie Verlage oder Sender für ihre Inhalte haften. Es braucht dringend Drogenprävention, um die Sucht einzudämmen.