Nürnberg - Interviews sind oft enttäuschend und bieten wenig Neues, auf echte Debatten lassen sich Politiker kaum ein. Was aber die beiden AfD-Spitzen nun boten, das waren spannende Lehrstücke in Sachen skrupelloser Demagogie, kommentiert Alexander Jungkunz.
24.08.2026 11:29 Uhr

Ungeniert lügen, andere herabsetzen und dabei inhaltlich blank dastehen: Das schafft die AfD-Doppelspitze inzwischen in staunenswerter Perfektion. Was Tino Chrupalla und vor allem Alice Weidel da in den am Sonntag ausgestrahlten Sommerinterviews von ARD und ZDF ablieferten, das war eine bemerkenswerte Lehrstunde in Sachen Demagogie.

Demagogie: Der Begriff bedeutet Volksverführung, „eine manipulative politische Redekunst und Hetze, bei der Menschen durch Lügen, halbe Wahrheiten, falsche Versprechungen und emotionale Appelle an Ängste oder Vorurteile beeinflusst werden, um Macht zu erlangen“.

Chrupalla gab den Beschwichtiger, Weidel setzte auf Eskalation im Stil von Trump

All das boten die beiden Parteivorsitzenden. Chrupalla gab eher den Beschwichtiger. Klimakrise? Ach was, ein ganz normaler Sommer, da brauche es keinen „Klimahype“. Rechtsradikale im Umfeld von Ulrich Siegmund, dem AfD-Spitzenkandidaten in Sachsen-Anhalt? Jugendsünden, allenfalls.

Alice Weidel setzte dagegen auf Eskalation. Ihre Rundum-Attacken inklusive Klima-Leugnung kommen einem irgendwie bekannt vor. Richtig: Die AfD hat genau studiert, wie Donald Trump austeilt. Etwa das Eliten-Bashing gegen „die da oben“. Trump schaffte es lange, so zu tun, als gehöre ausgerechnet er nicht dazu, selbst als Präsident wettert er gern gegen Washington. Bei Weidel wird daraus natürlich Berlin. Sie wolle nicht mehr von „irgendwelchen Flachzangen angelogen“ werden, „die da oben sitzen“. Flachzangen: Diese Kollegen-Beschimpfung wiederholte die Frau mehrfach, die selbst natürlich längst zu „denen da oben“ gehört und deren Posten in der Regierung übernehmen will.

Noch eine Lektion haben sie von Trump gelernt: wie man Zweifel am „System“ sät. Sie setzen sogar aufs gleiche Thema: die angeblich so unsichere, undemokratische Briefwahl. Chrupalla schwadroniert von Plegekräften in Altenheimen, die da angeblich Wahlen fälschen. Belege für sein Geraune? Null - egal: Hauptsache, irgendwas bleibt hängen.

Fragen braucht man den beiden eigentlich gar nicht erst zu stellen: Sie antworten, was sie wollen und einstudiert haben. Fakten stehen da nur im Weg, vor allem Weidel hantiert freihändig mit Zahlen, die kaum einen Faktencheck überstehen. Aber egal: Ihre Anhänger halten nichts von solchen Wahrheits-Prüfständen im ohnehin verhassten öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den die AfD eindampfen oder abschaffen will.

Die Konsequenzen ihrer Forderungen wären verheerend

Alice Weidel redet - radikaler als bisher - von massenweisen Abschiebungen ohne jeden Blick auf rechtliche Probleme. Sie kündigt - radikaler als bisher - den Ausstieg vom Euro und aus dem Schengen-Abkommen an: Schritte mit wirtschaftlich und politisch fatalen Konsequenzen, die das Land isolieren und massiv schwächen würden. Doch das ist der AfD egal, sie bläst zum Generalangriff aufs „System“.

Trump kam mit seinen Methoden zunächst durch. Nun erkennen mehr und mehr Menschen, dass Hetze, Rache und Egomanie keine seriöse Politik ersetzen. Auf Lerneffekte hierzulande kann man immerhin noch hoffen.