Nürnberg - In der Regel werden radikale Parteien gemäßigter, um an die Macht zu kommen. Bei der AfD ist es umgekehrt. Die Partei ähnelt in der Tat den Nazis. Doch das stört viele offenbar nicht. Ein Kommentar von Alexander Jungkunz.
21.08.2026 12:06 Uhr

Charlotte Knobloch hat die Debatte wieder angefacht: Ist die AfD die neue NSDAP? Die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sieht „in vielen Bereichen keinen Unterschied mehr zur NSDAP, bevor diese an die Macht gekommen ist“.

Es ist der krasseste Vergleich, der in Deutschland möglich ist: jemanden auf eine Stufe mit den Nazis zu stellen. Wer das tut, eröffnet aber keinen Austausch, sondern beendet ihn. Denn die einen sehen sich bestätigt in ihrer Abneigung gegen eine AfD, die sie selbst gern ins Nazi-Eck stellen. Und AfD-Wähler? Sie fühlen sich in der Regel diffamiert, weil sie keine Nazis sein wollen. Oder, und das ist eine neue, erschreckende Entwicklung: Es stört sie gar nicht, Nazi genannt zu werden. Weil sie selbst autoritär-nationale Politik wollen.

Aus dem Landes-Slogan „#moderndenken“ will die AfD „#deutschdenken“ machen

Die AfD handelt nicht wie andere Rechtspopulisten, die an die Macht wollen und sich daher gemäßigter präsentieren - wie Giorgia Melonis „Fratelli d‘Italia“ oder Marine Le Pens „Rassemblement National“. Nein: Die AfD zeigt ihre Radikalität mit wachsendem Erfolg umso offener. Der Blick auf das, was sie in Sachsen-Anhalt vorhat, macht das sehr klar sichtbar. Und etliche der Punkte im Programm der AfD erinnern an die NSDAP.

Da ist die Betonung des Nationalen. Aus dem Landes-Slogan „#moderndenken“ will die AfD „#deutschdenken“ machen. Was sie darunter versteht, wird deutlicher beim Blick auf einen Geschichtsunterricht, der mehr Bismarck statt Hitler will und auf den Kulturkampf, den die Partei etwa gegen das Bauhaus führt - jene weltweit gefeierte Design-Avantgarde, die schon die Nazis vor knapp 100 Jahren bekämpften.

Da ist ihr Umgang mit Medien: Die AfD würde am liebsten als Erstes den Rundfunkstaatsvertrag kündigen und den MDR verbannen. Das geht aber nicht so schnell. Doch das Ziel zeigt: Die Partei setzt auf ihre eigenen, naturgemäß linientreuen Medien. Dass andere kritisch auf ihre Arbeit blicken, das will sie tunlichst verhindern.

Da ist ihr verzerrter Blick auf die Lage im Land: Die AfD zeichnet ein Bild des Niedergangs, heizt nachvollziehbare Ängste auf und schürt Wut. Sie setzt auf (N)Ostalgie, auf die Sehnsucht nach dem „guten, alten Deutschland“, das Ulrich Siegmund beschwört, ihr Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Welches „gute, alte Deutschland“ meint er da?

Ihr Menschenbild widerspricht oft dem Grundgesetz, weil es die Würde anderer antastet

Und da ist das Menschenbild der AfD, das dem Grundgesetz widerspricht, weil es die Würde vieler antastet. Die Partei ist gegen „Kulturfremde“ in Gesundheit und Pflege - was den Zusammenbruch dieses Sektors bedeuten würde; das gesamte Wirtschaftsprogramm bedeutet Abstieg für Deutschland. Die AfD diskriminiert teils offen Homosexuelle und Menschen mit Behinderung. Sie will unpolitische Kirchen - keine, die ihre Unmenschlichkeit benennen.

Warum setzen so viele Menschen trotzdem auf so ein Programm? Die Sehnsucht nach dem Autoritären ist gerade im Osten groß. Das muss die Demokraten alarmieren und anspornen.