
Nun also Thorsten Frei. Wenn es nach Friedrich Merz und Markus Söder geht, wird der 52-Jährige ab Montag als Nachfolger von Jens Spahn der neue starke Mann der Union im Bundestag sein. CDU/CSU und der Koalition könnte das gut tun. Denn der überraschend erfolgte Personalwechsel nimmt gleich auf fünf Feldern Spannungen und Druck aus dem Regierungslager.
Erstens: Frei ist als Politiker weitgehend ohne Vorbelastungen. Spahn schleppte von einem viel diskutierten Hauskredit bis zur Maskenbeschaffung viele Affären mit sich - und zog damit nie nachlassende Aufmerksamkeit auf sich als Person, wo er doch voll und ganz der Fraktion dienen sollte. Er war, das kann man so sagen, alles andere als ein Sympathieträger, auch wegen seines harten Auftretens. Der Nachfolger war vor dem Wechsel nach Berlin neun Jahre lang Oberbürgermeister von Donaueschingen (bis 2013) und weiß, was es heißt, zwischen den Lagern zu vermitteln.
Zweitens: Die Beziehung zwischen dem Kanzler und dem bisherigen Fraktionschef Spahn war stets von einer gewissen Skepsis, ja: einem gegenseitigen Belauern, geprägt. Keiner vertraute dem anderen so richtig. Es war kein Geheimnis, dass Spahn eine Gelegenheit, den letzten Karrieresprung zu machen, nicht auslassen würde. Schließlich hatte er bereits in Sachen CDU-Parteivorsitz gegen Merz kandidiert. Thorsten Frei ist solcher Ambitionen unverdächtig.
Drittens: Der Neue ist ein Mann des Parlaments. Er war dreieinhalb Jahre lang Fraktionsgeschäftsführer, die Abläufe im Bundestag sind ihm bestens vertraut. Er machte damals den Eindruck, sich in dieser Rolle wohlzufühlen. Jens Spahn hingegen zog es schon sehr früh in Regierungsämter (Finanz-Staatssekretär, Gesundheitsminister), die Exekutive schien sein eigentliches Metier zu sein.
Viertens: Mit seiner Festlegung auf einen stark rechtskonservativen Kurs der Union bediente Spahn zwar die Interessen vieler Abgeordneten in der Fraktion, das schadete ihm jedoch als Vermittler. Frei ist in vielen Punkten inhaltlich durchaus der Meinung seines Vorgängers, aber er verbindet das mit einem aufgeschlosseneren Auftreten.
Fünftens: Es wird einen neuen Kanzleramtsminister geben. In gut einem Jahr auf diesem Posten hatte Thorsten Frei nie so richtig den Eindruck erweckt, angekommen zu sein. Wenn die Regierungsarbeit nicht rund läuft, liegt das immer auch am Amtschef, der im Vorfeld zwischen den Ministerien koordinieren muss. Der Nachfolger kann nun einen neuen Anlauf dazu machen.
Eines könnte aber zu einem Problem werden: Ein Fraktionsvorsitzender muss über ein starkes Machtbewusstsein verfügen. Auch wenn das Wort völlig daneben ist, bezeichnete man in der Vergangenheit nicht ganz Unrecht erfolgreiche Amtsinhaber wie Herbert Wehner und Volker Kauder als „Zuchtmeister“. Frei muss also zumindest in ausgesuchten Fällen die Bereitschaft mitbringen, sich unbeliebt zu machen.


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