
Viel Zeit wäre Jens Spahn nicht mehr, geblieben. Sein Rücktritt ermöglicht ihm einen gesichtswahrenden Abgang. Der Druck, nicht zuletzt aus den eigenen Reihen, war einfach zu groß geworden. Kanzler Friedrich Merz (CDU) hätte seinen Parteifreund wohl spätestens nach dem Wochenende fallen lassen müssen.
Die Debatte um die umstrittene Leihmutterschaft hat Spahn als Spitzenpolitiker untragbar gemacht. Wer sehenden Auges gültiges deutsches Recht missachtet, kann nicht eines der höchsten Ämter ausüben, die das politische Berlin zu vergeben hat. Wer die Hilfe einer Leihmutter in Anspruch nimmt, um Nachwuchs zu erhalten, muss keine juristische Verfolgung fürchten (in den USA sind Leihmütter gesetzeskonform), sich jedoch ethisch-moralischen Vorbehalten stellen.
Offenbar hat Spahn damit nicht gerechnet - was als äußerst naiv eingestuft werden muss. Denn gerade in den Reihen der CDU und CSU sind etliche Traditionalisten versammelt, wenn es um Familienpolitik geht. Dass dieses Lager mit einer Null-Toleranz-Linie auf Spahns Familienglück reagieren würde, lag nahe.
Zumal Jens Spahn sich vor einigen Jahren noch klar positioniert hatte - mit der „Idee eines gemieteten Mutterbauchs“ könne er sich nur schwer anfreunden, sagte er damals. Politiker, das ist der Preis, den diese prestigeträchtigen und hoch dotierten Posten mit sich bringen, stehen unter besonderer Beobachtung und werden auch an länger zurückliegenden Aussagen gemessen - umso mehr, wenn es um moralische Leitlinien geht.
Eine solche hat Spahn überschritten. Dass er sich seinem privaten Glück widmen will, sei ihm voll und ganz vergönnt. Weniger Verständnis muss man aber für die von Spahn kritisierte Debattenkultur aufbringen. Wer als Fraktionschef und auch zuvor als Minister regelmäßig kräftig ausgeteilt hat, sollte bei Gegenwind nicht ins Jammern verfallen.
Keine Chance mehr aufs Kanzleramt
Innerhalb der Union gilt es nun, geräuschlos und binnen weniger Tage eine Schlüsselposition zu besetzen. Gesetzte Aspiranten innerhalb der CDU-Riege gibt es nicht, womöglich greift Kanzler Merz auf Personal aus seinem Kabinett zurück. Wer auch immer Spahn folgen wird: Diese Personalie ist entscheidend für die Regierungsarbeit im Bund.
Der Rücktritt ist auch aus einem anderen Grund von größerer Bedeutung: Denn Spahn wurden immer wieder Ambitionen auf das Kanzleramt nachgesagt. Aus dem Rennen um die Merz-Nachfolge ist der Christdemokrat nach seinem Rücktritt ausgeschieden - was die Perspektiven von Nordrhein-Westfalens Regierungschef Hendrik Wüst weiter verbessern dürfte.
Noch ist Merz im Amt, der nun die schwerste Personalkrise seiner Amtszeit managen muss. Für Spahn selbst dürfte eine Elternzeitphase folgen, eine spätere Rückkehr auf die politische Bühne ist nicht auszuschließen.
