Berlin - Die Leihmutterschaft der Familie Spahn schlägt in der Öffentlichkeit hohe Wellen. Harald Baumer erklärt in seinem Kommentar, warum er die Empörung vieler Kritiker nachvollziehen kann.
17.07.2026 12:38 Uhr

Auch Spitzenpolitiker haben das Recht auf eine geschützte Privatsphäre. Was sie innerhalb ihrer eigenen vier Wände tun und wie es um ihre Familie bestellt ist, geht im Normalfall niemanden etwas an. Ob sie heiraten oder nicht, Kinder bekommen oder nicht, es mit der ehelichen Treue sehr streng halten oder nicht, das alles sollte kein Gegenstand öffentlicher Erörterungen sein. Bis auf das große Aber.

Wenn privates Verhalten in einem eklatanten Widerspruch zu dem steht, wofür der Betroffene als Politiker eintritt, dann ist es geboten, das anzusprechen und gegebenenfalls zu kritisieren. Bei Jens Spahn, dem Fraktionsvorsitzenden der Union im Bundestag - einem Mann mit höchsten Ambitionen - ist das jetzt eingetreten. Er und sein Ehemann haben in den USA die Dienste einer Leihmutter in Anspruch genommen, um ein Kind haben zu können.

Im Fall Spahn ist eine messerscharfe Trennung nötig

Auf deutschem Boden wäre so etwas aus rechtlichen Gründen verboten. Dort ist die Vermittlung einer Leihmutterschaft unter strafrechtlicher Androhung nicht gestattet. Findige und betuchte Paare aus Deutschland, die trotzdem auf dem Weg über das Ausland zu Nachwuchs kommen, werden allerdings nicht bestraft. So ist es auch bei der Familie Spahn.

Hier ist eine messerscharfe Trennung nötig, die leider oft nicht eingehalten wird. Die Familie anzupöbeln, weil es sich um eine homosexuelle Partnerschaft handelt, ist unterste Schublade. Ihr grundsätzlich das Recht abzusprechen, ein Kind aufzuziehen, ebenfalls. Viele gleichgeschlechtliche Ehen beweisen das Gegenteil.

Das Problem liegt an anderer Stelle: Privat nutzt der Christdemokrat eine Möglichkeit, deren Legalisierung er als Politiker ablehnte. In seiner Zeit als Gesundheitsminister wandte sich sein Ressort gegen eine Gesetzesreform, die Leihmutterschaft unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt hätte. Eine solche Persönlichkeitsspaltung in Politiker und Privatmann angesichts einer so grundlegenden Frage ist beim besten Willen nicht nachzuvollziehen.

Man muss gar nicht erst den politischen Gegner zitieren, es reicht bereits Spahns eigene Partei, um die Dimension aufzuzeigen. Der CDU-Stadtverband Hilchenbach in Nordrhein-Westfalen stellte fest: „Gerade von einer Führungspersönlichkeit unserer Partei erwarten wir Glaubwürdigkeit und die Bereitschaft, nach denselben Maßstäben zu handeln, die politisch vertreten werden. Dieses Vorgehen hat Vertrauen gekostet. Aus unserer Sicht ist dieses Vertrauen inzwischen aufgebraucht.“

Als kommender Kanzler dürfte Spahn der Öffentlichkeit immer schwerer zu vermitteln sein

Jens Spahn ist als Grenzgänger schon häufiger unangenehm aufgefallen, er geriet unter anderem wegen der Finanzierung einer von ihm gekauften Villa und wegen der Beschaffung von Corona-Masken in die Kritik. Sein jetziges Verhalten stößt vielen zu Recht sauer auf. Er hat damit sich selbst und seiner Partei keinen Gefallen getan. Als möglicher Bundeskanzler dürfte er der Öffentlichkeit trotz seiner Machtposition als Fraktionschef immer weniger zu vermitteln sein.