
Wer in New South Wales oder South East Queensland ab dem 1. Juli zwischen 11 und 14 Uhr die Waschmaschine, die Klimaanlage oder den Whirlpool anschaltet oder aber sein Elektroauto lädt, der zahlt dafür null Cent pro verbrauchter Kilowattstunde Strom. Der Grund: In mehreren australischen Regionen muss ab Anfang Juli ein Tarif angeboten werden, bei dem mittags mindestens drei Stunden lang Gratis-Elektrizität fließt.“
Australien hat einen gewaltigen Überschuss an PV-Strom. Pro Kopf wird mehr Strom durch Solarenergie erzeugt als in jedem anderen Land der Welt. Mehr als vier Millionen Photovoltaikanlagen sind dort installiert, dazu kommt eine hohe Sonneneinstrahlung.
Grüne in Bayern plädieren für kostenlosen Mittagsstrom auch in Deutschland
So viel Strom kann gar nicht verbraucht werden und schafft große Probleme für die Stromnetze. Deshalb sollen die Verbraucherinnen und Verbraucher nun dazu animiert werden, möglichst dann viel Energie zu verbrauchen, wenn auch viel Strom produziert wird. Ein ähnliches Pilotprojekt, wenn auch weniger umfassend, gibt es in England. In Australien ist der kostenlose Verbrauch während der drei Stunden auf 24 Kilowattstunden gedeckelt. Industriebetrieben würde es also nicht viel bringen, ihren Stromverbrauch in den Mittagsstunden zu maximieren, Privatpersonen aber sehr wohl.
Die australische Idee haben jetzt die Landtagsgrünen in Bayern aufgegriffen und als Antrag ins Parlament eingebracht. Sie fordern ein kostenloses Mittagsstromkontingent von täglich bis zu drei Stunden in Zeiten, in denen aufgrund hoher Solareinspeisung negative Strompreise herrschen.
„Die Stromversorger müssten dafür bereit sein, den Börsenstrompreis durchzureichen. Der überschüssige Strom muss sonst um die Mittagszeit abgeregelt werden. Wir plädieren aber für ‚Nutzen statt Abregeln‘“, betont der Grünen-Landtagsabgeordnete Martin Stümpfig.
Technische Voraussetzung für kostenlosen Mittagsstrom ist ein intelligentes Messsystem, ein Smart Meter. Dadurch weiß der Stromversorger, wie viel Strom zu welcher Zeit verbraucht wurde. In Australien ist das Messsystem längst Standard in weit über der Hälfte der Haushalte.
Netz der N-Ergie: Nur vier Prozent der Haushalte mit Smart Meter ausgestattet
In Deutschland sieht das noch anders aus. Im Netzgebiet der N-Ergie sind zwar knapp 30.000 Smart Meter installiert, das entspricht aber nur gut 20 Prozent der Pflichteinbaufälle und einer Quote von rund vier Prozent der gesamten Haushalte. Nur diese Haushalte könnten von einem Gratis-Mittagstarif profitieren.
In Deutschland ist dieser allerdings noch kein Thema. „Im Detail können wir die Idee mangels konkreter Anhaltspunkte aktuell nicht bewerten“, teilt die N-Ergie mit. Aus Sicht eines Netzbetreibers sei eine höhere Nachfrage zu Zeiten hoher Einspeisung aus erneuerbaren Energien aber grundsätzlich vorteilhaft, so das Unternehmen. „Aktuell verzeichnen wir zur Mittagszeit häufig hohe Überschüsse, die steuernde Eingriffe erfordern, um das Stromnetz nicht zu überlasten“, heißt es vonseiten der N-Ergie Netz GmbH.
Der Verband der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (vbew) zeigt sich skeptisch. „Wir haben einen wirtschaftlich organisierten Strommarkt. Wenn man zu bestimmten Zeiten kostenlosen Strom anbietet, verändert man das Marktdesign massiv“, verdeutlicht vbew-Hauptgeschäftsführer Marian Rappl. Durch dynamische Stromtarife gebe es bereits die Möglichkeit, seinen Verbrauch an die Entwicklung des Börsenstrompreises anzupassen. Ansonsten helfe gegen den Überschuss, die Stromnetze möglichst schnell auszubauen und netzdienliche Stromspeicher zu errichten. „Speicher sind viel schneller gebaut als Stromleitungen“, betont Rappl.
Kostenloser Mittagsstrom: Auch das australische Modell hat einen Haken
Freilich wollen auch die australischen Stromanbieter Geld verdienen. Deshalb sollte wohl niemand der Illusion erliegen, dass er mit kostenlosem Mittagsstrom viel Geld spart. Das ist nur möglich, wenn man den Großteil seines Verbrauchs tatsächlich radikal in die Mittagsstunden verlagern kann.
Andernfalls zahlt man durch den Tarif möglicherweise sogar drauf. Denn die Stromanbieter werden die kostenlosen Stunden tendenziell durch höhere Preise außerhalb dieser Zeiträume und durch höhere Grundpreise ausgleichen.



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