Berlin - Immer mehr Kirchengemeinden verlangen einen Obolus dafür, wenn man ihr Gotteshaus als Tourist besuchen will. Harald Baumer erläutert in seinem Kommentar, warum das unschön und trotzdem kaum zu vermeiden ist.
28.04.2026 13:15 Uhr

Ich gebe es zu: Wenn ich irgendwo in Europa unterwegs bin, ob in London, Berlin oder Sevilla, und entdecke im Eingangsbereich einer Kirche ein Kassenhäuschen, dann muss ich erst mal schlucken. Ich rege mich darüber auf, weil ein Gotteshaus doch im Prinzip jederzeit für jeden ohne Voraussetzungen zugänglich sein sollte. Und auch deswegen, weil ich ja sowieso schon Kirchensteuer bezahle.

Beim näheren Nachdenken legt sich jedoch die Empörung meistens schnell. Ich sehe die Besucherscharen, die erkennbar mehr am Fotografieren von Kunstwerken, Architektur und häufig auch sich selbst interessiert sind als am Innehalten. Sie betrachten die Kirche als eine Art Museum, was ja durchaus erlaubt ist, aber dann ist eben der Gedanke einer Eintrittsgebühr gar nicht mehr so abwegig.

Bei sinkendem Kirchensteueraufkommen gibt es kaum Alternativen

Die christlichen Kirchen haben es wegen der Austritte einerseits mit sinkendem Kirchensteueraufkommen zu tun, außerdem mit extrem hohen Aufwendungen für den Erhalt ihrer Gotteshäuser. Deswegen werden bloße Besichtigungen in Zukunft nicht mehr kostenfrei möglich sein. Oder soll man in der Seelsorge und in der Diakonie einsparen, um Touristen kostenlos in Kirchen einlassen zu können?

In allen genannten Kirchen und ebenso in der Nürnberger Sebalduskirche, wo der Eintritt demnächst fünf Euro kosten soll, sind Gottesdienstbesucher selbstverständlich von irgendwelchen Zahlungen ausgenommen. Auch gibt es meistens während der gesamten Öffnungszeiten Bereiche, die Menschen zum Beten und zur Besinnung kostenfrei betreten dürfen. Es kann also niemand sagen, er werde am Zwiegespräch mit Gott in einer Kirche gehindert.

Die ideale Lösung sähe anders aus, das wissen die Gemeinden, die meistens schweren Herzens den Obolus verlangen und im Vorfeld durchaus heftig darüber diskutiert haben. In Deutschland wird bei der Preisgestaltung nicht so überzogen wie zum Beispiel in der Westminster Abbey (rund 30 Euro). Außerdem bemüht man sich um Transparenz und Aufklärung - etwa darüber, dass die Einnahmen tatsächlich in das Kirchengebäude investiert werden.

Die Eintrittsgebühren sind den sich ändernden Zeiten geschuldet. Sie werden sich vermutlich rasch verbreiten. Wenn möglich, sollten die Kirchen zunächst nach einer smarteren Lösung suchen und nur für Turmbesteigung oder Katakombenbesuch Geld verlangen oder mit Orgelkonzerten ihre Einnahmen steigern. So machen es viele katholische Kirchen. Aber dass grundsätzlich neue Einnahmequellen aufgetan werden müssen, daran besteht kein Zweifel.

Grundsätzlich passt eine Eintrittsgebühr nicht zu einem Gotteshaus

Trotzdem werde ich beim nächsten eher touristisch motivierten Kirchenbesuch wieder schlucken müssen. Nicht aus Geiz, sondern weil eben das Betreten eines Gotteshauses und das Zahlen eines Eintrittsgeldes für mich nicht so gut zusammenpassen. Das sehen übrigens fast alle Befürworter eines derartigen Obolus so.