Nürnberg - Hinter hohen Bäumen versteckt sich an der Bärenschanze ein spannendes Bauwerk, in dessen Architektur sich der soziale und repräsentative Anspruch aus zwei Epochen widerspiegelt: das Nürnberger Kinder- und Jugendhilfezentrum.
28.04.2026 19:00 Uhr

Das 1955 bis 1957 nach Planung von Walter Leonhardt erbaute Kinder- und Jugendhilfezentrum in der Reutersbrunnenstraße 34 (vulgo „Reutersbrunnenheim“) gehört fraglos zu den gelungenen Beispielen der Nachkriegsmoderne in Nürnberg: Ein abgesetzter Erdgeschosssockel, schräg vorkragende Kastenerker und Balkone sowie weit vorstehende, flache Walmdächer verleihen dem Bau jene Leichtfüßigkeit, die vielen progressiven baulichen Zeugnissen der Zeit eigen ist. Das Innere verschönerte der junge Michael Mathias Prechtl mit Keramikbildern von Zootieren und der Arche Noah. Der ehedem taubenblaue und gelbe Anstrich der Fassaden wurde später durch Braun- und Ockertöne ersetzt, die Erker der Isolierung wegen mit brüniertem Blech verkleidet. Das abstrakte Fliesenmosaik am Verbindungsbau an der Willstraße blieb hingegen erhalten.

Im Westen des Ensembles aber ragt etwas unvermittelt ein blockhafter, zweigeschossiger Baukörper mit Schopfwalmdach auf, der mit seiner konservativen Gestaltung so ganz anders ist als das Nachkriegs-Ensemble. Seine Putzfassaden zeigen Fenstergewände, Verdachungen und Muschelaufsätze aus Rotsandstein, wie sie typisch für den Nürnberger Stil des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind.

Kopfbau-West
Der westliche Kopfbau ist alles, was vom ursprünglichen Waisenhaus des Jahres 1900 erhalten geblieben ist. © Sebastian Gulden

Nein, das ist nicht etwa der später erweiterte Kernbau des heutigen Komplexes, sondern vielmehr der Rest dessen, was der Zweite Weltkrieg vom alten Städtischen Findel- und Waisenhaus übriggelassen hat. Am 21. Februar 1945 rauschten zwei Fliegerbomben in den Komplex und zerlegten Mitteltrakt und Bad fast völlig in ihre Einzelteile, der Ostflügel brannte aus. Währenddessen harrten Kinder und Betreuer im Luftschutzkeller aus. Sie überlebten nur durch Glück, da eine dritte Bombe, die direkt über dem Schutzraum aufschlug, nicht detonierte.

Waisenhaus_1920
Um 1920 präsentierte sich die Gebäudefront zur Reutersbrunnenstraße als mächtige Dreiflügelanlage im Nürnberger Stil mit seitlichen Kopfbauten. © Ansichtskarte: F. Otto Gräfe/Sammlung Sebastian Gulden, A 2606

Entstanden war die ursprüngliche Anlage 1898 bis 1900 nach Planung des städtischen Oberingenieurs Georg Kuch auf einem unbebauten Grund am Pegnitzufer. Diese Lage am Rande der Stadt mit direktem Kontakt zur Natur entsprach der damals modernen Reformpädagogik, wenngleich der menschliche Umgang der Betreuer mit ihren Schützlingen damals diesem Ideal oft nicht entsprach und mitunter von entwürdigenden Praktiken gekennzeichnet war. Auch die schlossartige Form mit drei Flügeln war, wie bei vergleichbaren Einrichtungen innerhalb und außerhalb Nürnbergs, „state of the art“ und sollte – wie bei der nahegelegenen Reutersbrunnenschule – Großzügigkeit, aber auch das Selbstverständnis des städtischen Allgemeinwesens zum Ausdruck bringen.

Gartenseite
Zum Waisenhaus gehörte schon 1900 ein großer Garten, der die gesamte Fläche zwischen Gebäude und Pegnitzufer einnahm. © Karte: Verlag Dr. Trenkler/Sammlung Sebastian Gulden, A 2410

Nun stehen die Zeichen erneut auf Wandel: Aufgrund veränderter gesetzlicher Vorgaben, zuallererst aber der besseren Wohnqualität wegen soll der Komplex bis 2032 nach Planung des Eichstätter Büros Diezinger Architekten durchgreifend modernisiert werden. Auch ohne Denkmalschutz hat der Erhalt des anspruchsvollen Altbestandes Priorität, nicht nur aus Respekt vor der baukünstlerischen Schöpfung, sondern auch, um Ressourcen und „graue Energie“ zu sparen. Verwaltung, Beratung und gemeinschaftliche Einrichtungen wie Festsaal, Sporthalle und Seminarraum sollen im Kopfbau von 1900 einziehen, während der Ostflügel einem Neubau weichen wird. Das klingt nach einer rosigen Zukunft für ein spannendes Zeugnis Nürnberger Architekturgeschichte, die wir gespannt verfolgen werden!

Diese Serie lädt zum Mitmachen ein. Haben Sie alte Fotos von Ansichten aus Nürnberg und der Region? Dann schicken Sie sie uns bitte zu. Wir machen ein aktuelles Foto und erzählen die Geschichte dazu. Per Post: Nürnberger Nachrichten/Nürnberger Zeitung, Lokalredaktion, Kressengartenstraße 4, 90402 Nürnberg; per E-Mail: [email protected]. Noch mehr Artikel des Projekts „Nürnberg – Stadtbild im Wandel“ finden Sie unter https://www.nuernberg-und-so.de/thema/stadtbild-im-wandel und www.facebook.com/nuernberg.stadtbildimwandel

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