Nürnberg - Ein handschriftlicher Text auf der Vorderseite einer Ansichtskarte umriss 1923 die Qualitäten eines Mietshauses im Nürnberger Nordbahnhof-Viertel. Zusammen mit der Ansicht der Rückseite wollte man so den Verkauf einer Immobilie anbahnen.
23.09.2026 14:00 Uhr

„Haus, Nürnberg, Cranachstr. 22 / 5 x 4 Zimmer u 5 x 3 Zimmer mit Küche, Voraum [sic!], Abort, Gas u. Wasser in den abgeschlossenen Wohnungen. Massiver Bau. Reparatur frei. Ziegeldeckung mit Dachpappenunterlage. Wertzuwachssteuer trage ich selbst.“ Diese Zeilen stammen aus der Hand eines gewissen Andreas Weiermann, seines Zeichens Immobilienmakler mit Büro in der Pillenreuther Straße 35. Der Deal klappte: Noch 1923 übernahm Mendel Wechsler, Inhaber eines beliebten Herrenkonfektionsgeschäfts, das Mietshaus vom Wirtsehepaar Thomas und Anna Babette Lothes, die die Bierwirtschaft „Lindauer Hof“ im Erdgeschoss führten. Den Namen war dem Hirn des vorherigen Eigentümers und Wirtes Andreas Wagner entsprungen, auch wenn wir den Grund seiner Vorliebe für die Stadt im Bodensee nicht kennen.

Bei seiner Vollendung 1902 war das markante Eckgebäude das erste an der noch jungen Straße, die die Stadt nach dem berühmten Maler Lucas Cranach dem Älteren benannt hatte. Der ursprüngliche Plan im Nürnberger Stil stammte aus der Feder von Georg Philipp Höfler, umgesetzt wurde aber eine Tektur von Architekt Martin Macher. Dass die Formensprache der Fassaden im Geiste der Neorenaissance Bezug auf Cranachs Kulturperiode nahm, war vermutlich keine Absicht.

Cranachstr. 22_1923
<p>Mit dieser Fotokarte warb Makler Andreas Weiermann 1923 erfolgreich für den Kauf des Mietshauses Cranachstraße 22.</p> © Ansichtskarte: unbekannt/Sammlung Sebastian Gulden, A 3046

Tatsächlich war diese Gestaltungsweise damals schon ziemlich veraltet, aber nicht unattraktiv: Über dem Erdgeschoss aus Sandstein ragten drei weitere Geschosse auf, an denen Sichtklinker mit Sandstein-Elementen kontrastierte. Ein hohes Mansarddach schloss das Gebäude ab. Wer sehen möchte, wie die Nr. 22 einst aussah, muss nur um die Ecke gehen, denn das Haus Kleinreuther Weg 57, das ebenfalls für den Gastwirt Josef Meyer erbaut wurde, hat man etwa gleichzeitig in analoger Gestalt errichtet.

Cranachstr. 22_2015
<p>Diese Aufnahme von 2015 überliefert, wie man das Haus nach Kriegsschäden recht einfühlsam instandgesetzt hatte. </p> © Boris Leuthold

Das Eckhaus hingegen zeigt bis heute die Spuren des letzten Weltkrieges: Am 2. Januar 1945 schwer beschädigt, hat man es wiederhergestellt und dabei erstaunliche Einfühlsamkeit walten lassen. Die profilierten Rahmen um die Fenster blieben ebenso wie das Abschlussgesims und die – nun vereinfachten – Giebelgauben. Mit der letzten Renovierung 2023 verschwanden die letzten Spuren des „Lindauer Hofes“, einschließlich des Eingangs an der Cranachstraße. Der damals angebrachten Fassadendämmung in den Obergeschossen muss man zugutehalten, dass man dabei versucht hat, durch das Wiederholen des Eckpilasters, der Fensterrahmungen und des Kranzgesimses den angekratzten Charme des Baukörpers zu bewahren. Die Giebelgauben sind unter den üblichen Einhausungen aus Titanzinkblech verschwunden.

Die Familie flüchtete vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten nach Palästina

Mendel Wechsler behielt das Haus, das stets nur eine Kapitalanlage war, übrigens nicht lange: Noch bevor er in den 1930er Jahren vor der Verfolgung durch die Nazis mit Ehefrau Kela und den Kindern Leo Arye und Joseph zu seiner Tochter Judith und ihrem Mann Leo Wissmann nach Haifa in Palästina emigrierte, hatte er es an die Fürther Brauerei Humbser verkauft. Was aus Emmy, der ältesten Tochter des Paares wurde, wissen wir hingegen nicht.

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