Berlin - Ist der Brief der CDU-Ministerpräsidenten an den Kanzler wirklich solch ein Misstrauensvotum, wie es jetzt manche darstellen? Harald Baumer kann das in seinem Kommentar nicht nachvollziehen.
17.09.2026 14:34 Uhr

Jetzt hat Friedrich Merz endlich die gewünschte Unterstützung aus seiner Partei erhalten - einen gemeinsamen öffentlichen Brief aller acht Ministerpräsidenten der CDU, in dem sie zur Geschlossenheit aufrufen und vor Personaldiskussionen warnen. Und was wird in der öffentlichen wie medialen Debatte daraus? Eine Art Misstrauensantrag.

Der Brief komme zu spät, der Bundeskanzler werde nur mit seiner Amtsbezeichnung und nicht beim Namen genannt, Markus Söder sei nicht unter den Unterzeichnern (obwohl er ja gar nicht der CDU angehört), der Text hätte entschiedener formuliert sein müssen. Außerdem habe das Bekenntnis nur eine Halbwertszeit bis zu den Wahlen am Sonntag.

Das mag alles richtig sein, aber es zeigt auch, wie verschoben inzwischen die Maßstäbe der Wahrnehmung sind. Jedes Komma erhält eine eigene Interpretation, und am Ende hat sich eine (bestimmt nicht heißglühende) Unterstützung in Luft aufgelöst und der Brief wird als ein weiteres Zeichen für den gar nicht so fernen Untergang von Merz umgedeutet.

Die Stimmung ist an einem Punkt angelangt, an dem selbst ein Niederknien der Ministerpräsidenten vor dem Kanzler nicht mehr ausreichen würde, um wenigstens ein Quäntchen Unterstützung darin zu erkennen. Bei allem, was Merz falsch macht in der Ansprache an das Volk und beim Koalitionsklima, und das ist nicht wenig, weist er zu Recht darauf hin, dass er für vier Jahre gewählt ist und nicht ohne Weiteres, schon gar nicht gegen seinen Willen, einfach so abgelöst werden kann.

Vor allem gilt eines: Ein Nachfolger, ob nun Hendrik Wüst oder Markus Söder, müsste nach einer kurzen Schonfrist mit ähnlichen Anfeindungen rechnen. Viele Menschen verwechseln die dramatische Problemlage mit den Personen, die damit fertig werden müssen, und gehen so den Extremisten und Populisten aller Lager auf den Leim.