Nürnberg - Alle sagten: Diese Wahl war eine Zäsur, Sachsen-Anhalt ist eine Wendemarke. Aber wie fielen die Reaktionen aus? Handeln sollte man statt nur zu reden, kommentiert Alexander Jungkunz.
11.09.2026 12:20 Uhr

Eine Woche liegt die Wahl in Sachsen-Anhalt nun zurück, in einer Woche wird in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin gewählt. Grund zum Rückblick auf vieles, was seit dem Sonntag zu beobachten und zu hören war. Und: Grund zum Wundern.

Darüber vor allem, dass alle von einer Zäsur sprachen - aber die wenigsten danach so handelten, als habe es die tatsächlich gegeben: eine Zäsur. Also einen Einschnitt. Denn das würde ja bedeuten: Danach ändert sich etwas. Und zwar spür- und sichtbar.

Wie die Verlierer der AfD den Stoff für ihre Videoschnipsel liefern

Zu erleben war aber: eine Generaldebatte im Bundestag, in der die Verlierer vom Sonntag so taten, als läsen sie Akten, aufs Handy guckten oder lachten, als die Sieger vom Sonntag sprachen. Dass die zynische Runterrednerin Alice Weidel und ihre Partei genau so den Stoff für die Video-Schnipsel kriegen, mit denen sie dann posten: Da seht ihr, was die Altparteien von euren Sorgen halten - ist das wirklich noch nicht angekommen?

Oder: Ist es wirklich klug, wenn sich der krachend abgewählte Ministerpräsident Sven Schulze kurz danach zum CDU-Fraktionschef wählen lässt? So erfüllt man Klischees, wonach „die“ nie aufhören und nie genug kriegen könnten.

Oder: Was sollen die Wähler nicht nur der AfD denn denken, wenn den Verlierern kurz nach dem Fast-Triumph der Partei als eine der ersten Reaktionen nichts anderes einfällt als die alte Forderung nach einem AfD-Verbot wieder auszupacken? Viel zu lange wurde über einen Verbotsantrag nur geredet. Jetzt, nach dem Erfolg der Partei, dieses problematische Verfahren ins Spiel zu bringen, zeigt eher Hilflosigkeit - und bringt der AfD Bonuspunkte ohne jede Eigenleistung.

Immer offensichtlicher wird auch: Die Strategie des Ausgrenzens aller AfD-Wähler ist gescheitert. Viele Jahre wurde ihnen immer wieder und meistens oberlehrerhaft von Parteien, Medien und Verbänden erklärt, warum es sich nicht gehört, mit der AfD eine in weiten Teilen rechtsextreme, verfassungsfeindliche Partei zu wählen. Sie haben es aber trotzdem gemacht oder erst recht. Weil sie die Probleme sehen, die von der AfD ohne das Aufzeigen von Lösungsansätzen zum Untergang des Landes dramatisiert werden, aber vorhanden sind.

Es reicht nicht, nur zu sagen: Wir haben verstanden. Man muss auch etwas tun

Sie anzugehen, gemeinsam und ohne Streit innerhalb einer Koalition: Das wäre nun der Job der Parteien. Nicht nur zu sagen: Wir haben verstanden - sondern das durch Taten zu belegen. Mit einem Szenario, wie Deutschlands Zukunft in fünf Jahren aussehen kann. Warum dafür schmerzhafte Einschnitte - unbedingt sozial gerecht und für alle! - nötig sind, damit es weiter aufwärts gehen kann.

Wir sehen in den USA, wohin Polarisierung führt: zu einer Gesellschaft mit zwei Lagern, die nicht mehr miteinander reden. Tendenzen dazu sind auch hier sichtbar. Wer der AfD zu Recht vorwirft, sie spalte, der sollte selbst Spaltung vermeiden. Und versuchen, andere zu erreichen. Mit Argumenten, Emotionen, Gesprächen, mit dem Aushalten von Streit. Das wäre eine Zäsur, womöglich zum Guten.