
In den vergangenen Tagen und Wochen war viel vom „Osten“ die Rede. Wie sehr dort die Demokratie gefährdet sei, welche Stärke die AfD inzwischen aufweise und wo das alles noch enden solle. Klar, es gibt viel Grund zur Sorge, nachdem die russlandfreundlichen Parteien AfD und BSW inzwischen in Sachsen-Anhalt sogar eine Regierungsmehrheit hätten. Aber wir werden der komplexen Lage in den fünf neuen Ländern plus Berlin (früher auch zur Hälfte der DDR zugehörig) nicht gerecht, wenn wir alles über einen Kamm scheren.
Da gibt es zum Beispiel Mecklenburg-Vorpommern, wo die gebeutelte SPD in den Umfragen stark aufgeholt hat und der führenden AfD auf den Fersen zu sein scheint. Warum? Weil dort mit Manuela Schwesig eine populäre Ministerpräsidentin antritt - und nicht ein blasser, erst seit kurzem im Amt befindlicher Regierungschef wie Sven Schulze in Magdeburg. Die Person macht also viel aus.
In sechs Ländern gibt es sechs unterschiedliche Modelle
Da gibt es Brandenburg, wo SPD-Mann Dietmar Woidke mit einem ähnlichen Rezept die Wahl herausriss. Er hat alles auf eine Karte gesetzt („die oder ich“) und war erfolgreich damit. Da gibt es, was sicher eine Ausnahme ist, die Hauptstadt Berlin, in der mehrere Parteien gleich stark zu sein scheinen (CDU, Linke, Grüne, AfD). Auch das könnte in Zukunft eines der Modelle in Deutschland sein. An Minderheitsregierungen werden wir uns sowieso gewöhnen müssen, andere europäische Länder praktizieren das schon lange.
Die Bürgerinnen und Bürger im Osten der Republik haben es trotz der von ihnen selbst verursachten Übermacht der AfD verdient, dass man schon etwas genauer hinsieht anstatt einfach festzustellen, jenseits der ehemaligen Mauer sei alles mindestens rechtspopulistisch, wenn nicht rechtsextrem. Nur zur Erinnerung: Selbst in Sachsen-Anhalt hat die Mehrheit nicht AfD gewählt.
Die Konsequenz für die bürgerlichen Parteien, in welcher Ecke Deutschlands auch immer, muss vor allem eine sorgfältige, nicht nur der Funktionärsbasis genehme Auswahl der Spitzenkandidaten sein. Es wird nicht mehr sprichwörtlich jeder Besen gewählt, den die bislang führende Partei aufstellt. Auch übereilte Wechsel des Ministerpräsidenten kurz vor der Wahl wie in Sachsen-Anhalt sind extrem schädlich. Die Menschen wollen den Menschen kennen, dem sie ihre Stimme geben.
Es ist erstaunlich, wie sehr manche Parteien in Sachen Wahlkampf, Programm und Spitzenkandidat noch in den 1990ern oder frühen 2000ern stecken geblieben sind und der AfD mit ihren Methoden das Feld überlassen. Wo sind all die Spin-Doktoren, die ja in der Vergangenheit ausgezeichnete Wahlkämpfe geführt haben, man denke nur an die „Kampa“ Gerhard Schröders und an etliche beeindruckende Siege in den Ländern? Insbesondere der Wahlkampf von Ulrich Siegmund, der ja im Grunde schon Jahre andauerte, bedarf einer gründlichen Analyse.

2 Kommentare
Hirnbohrer
Vor allem sollte man nicht die Augen davor verschließen, dass die gesamte Malaise kein "Ost-Thema" ist!
Siehe derzeitige Wahlumfragen, auch im Bund läge (lt. ZDF Politbarometer) die sogenannte Alternative auf Platz 1 mit über 30 Prozent!
In den fünf östlichen Bundesländern zeigt sich lediglich die Tendenz früher...
11.09.2026 10:40 Uhr