München - Während das Bildungsniveau in Deutschland stetig sinkt, wählen immer mehr Menschen rechts - gibt es hier einen direkten Zusammenhang? Redakteurin Kathrin Walther hat sich darüber Gedanken gemacht.
08.09.2026 15:59 Uhr

Ist es vermessen, einen Zusammenhang zwischen dem Ergebnis der Pisa-Studie und den Wahlen in Sachsen-Anhalt herzustellen? Zumindest gibt es Parallelen: Die AfD zieht junge Menschen an, die Mehrheit ihrer Wählenden hatte laut Infratest dimap eine einfache Bildung, teilweise keinen Schulabschluss. Und jetzt der Blick auf die Pisa-Studie: Das aktuellste Ergebnis ist schlechter als die erste Studie, die 2001 zum Begriff „Pisa-Schock“ führte. Seit zehn Jahren - also bereits vor der Pandemie - geht es kontinuierlich bergab. Die soziale Herkunft der Kinder hat in Deutschland mehr als in anderen Ländern Auswirkungen auf Bildungsverläufe, und im Kernbereich Lesen kann in Deutschland fast ein Drittel der 15-Jährigen aus kurzen Texten keine Informationen entnehmen.

Lesen macht schlau. In diesem Kontext könnte man die Frage stellen: Wie viele der (jungen) Wählerinnen und Wähler haben das Programm der AfD gelesen und verstanden? Oder umgekehrt: Wie viele (junge) Wählerinnen und Wähler haben ihre Entscheidung ausschließlich aufgrund emotional verfangender, auf Wut und Spaltung abzielender Social-Media-Clips sowie eines strategisch geschickt auftretenden Kumpel-Kandidaten getroffen? Dass rechtspopulistische und rechtsextreme Kräfte an Zustimmung gewinnen, muss auch als bildungspolitisches Warnsignal verstanden werden.

Immerhin wird die Krise, in der das deutsche Schulsystem steckt, politisch wahrgenommen. Positive Ansätze gibt es durchaus, etwa die im März von den Kultusministerien und Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) beschlossene datengestützte Schul- und Unterrichtsentwicklung. Oder das Startchancen-Programm: Schulen in sozialschwachen Lagen erhalten insgesamt 20 Milliarden Euro von Bund und Ländern. Auch Bayerns Kultusministerin Anna Stolz versucht, Lehrkräfte und Schulleitungen von unnötigem bürokratischen Ballast zu befreien, damit sie wieder Zeit für ihren pädagogischen Auftrag haben.

Pisa-Schock: Es braucht endlich eine Kindergartenpflicht

Doch das genügt nicht mehr. Demokratische Politiker auf Bund- und Länderebene müssen entschlossen und gemeinsam handeln. Zuerst wäre die Einführung der Kindergartenpflicht notwendig, um mit Sprachförderung so früh wie möglich zu beginnen. Dann brauchen Schulen mehr Freiheiten auf Verwaltungsebene und mehr Fokus auf die Entwicklung der Kinder statt auf die Einhaltung des Lehrplans. Und sie brauchen viel mehr Personal.

All diese Maßnahmen kosten Zeit und Geld. Aber die Erfolgsaussichten sind gut: Der einzige überdurchschnittliche Wert der deutschen Pisa-Studie war, dass sich 75 Prozent der Jugendlichen ihrer Schule zugehörig fühlen. Es wäre nicht übertrieben, wenn wir Erwachsene Schulen gesellschaftlich auf den gleichen Sockel heben wie die Wirtschaft. Sie haben entscheidenden Anteil daran, ob sich ein Mensch zu einem demokratischen, leistungsbereiten, weltoffenen, sozialen, (selbst)kritischen und verantwortungsbewussten Bürger entwickelt. Oder ob er die AfD wählt.