Nürnberg - Ändert die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt das politische Koordinatensystem? Ist Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenmann, wirklich der „gefährlichste“ Politiker Deutschlands? NN-Chefredakteur Michael Husarek rät dazu, die Kirche im Dorf zu lassen.
03.09.2026 14:49 Uhr

Schon vor dem Wahltag ist absehbar, dass die AfD ihren Höhenflug fortsetzen kann. In Sachsen-Anhalt rechnen Meinungsforscher mit einem Ergebnis um die 40 Prozent - ein Wert, der bislang bei Landtagswahlen noch nie von der AfD erreicht worden ist. Je nach Abschneiden der anderen Parteien ist sogar eine absolute Mehrheit der Sitze denkbar, jedoch gilt dieses Szenario nach jüngsten Umfragen als sehr unwahrscheinlich.

Beobachter erwarten vielmehr eine Fortsetzung der CDU-geführten Regierung mit dem derzeitigen Ministerpräsidenten Sven Schulze an der Spitze. Allerdings mangelt es einem möglichen Kenia-Bündnis aus CDU, Grünen und SPD (vorausgesetzt, die beiden kleineren Partner schaffen den Einzug in den Magdeburger Landtag) wohl an einer Mehrheit - eine wie auch immer geartete Tolerierung durch die Linke gilt somit als Voraussetzung für das Funktionieren dieses Bündnisses.

Sachsen-Anhalt fordert, das steht fest, die demokratische Mitte erneut heraus

In der politischen Alltagsarbeit birgt diese Gemengelage viel Sprengstoffpotenzial in sich, zumal die Christdemokraten nicht müde werden, ihre Brandmauer auch gegen die Linke weiterhin aufrecht halten zu wollen. Sachsen-Anhalt fordert, das steht fest, die demokratische Mitte erneut heraus. Es wird mindestens in den ostdeutschen Bundesländern zunehmend schwieriger, Regierungen um die starke AfD herum zu bauen - bei den in Kürze anstehenden Wahlen in Mecklenburg-Vorpommern dürfte sich dieser Befund bestätigen.

Daraus den Schluss zu ziehen, Deutschland drohe die nächste Zeitenwende, wäre jedoch verfrüht. Allen landespolitischen Verwerfungen zum Trotz gilt eines unverändert: Das politische System der Bundesrepublik ist so stabil, dass selbst eine Länderregierung unter AfD-Führung es nicht aushebeln könnte. Denn dem Umbau der Justiz zu einem willfährigen Unterstützersystem, der Bekämpfung unabhängiger Medien und all den anderen Maßnahmen, die Populisten auf dem Weg zum Machterhalt in der Regel umsetzen wollen, sind klare Grenzen gesetzt.

So einfach, wie die in Teilen rechtsextreme AfD es in ihren Wahlprogrammen und noch mehr in Redebeiträgen einzelner radikalisierter Vertreter anklingen lässt, wäre der Umbau unserer freiheitlichen Gesellschaft in eine Autokratie nicht. Weder ließe sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk binnen kurzer Zeit aushebeln, noch wäre von einem Bundesland aus „Remigration“ im großen Stil umsetzbar.

Dessen sollten sich Spitzenpolitiker der demokratischen Mitte bewusst sein, ehe sie am Sonntagabend vor die Kameras treten. Denn die Demokraten sind in Deutschland definitiv in der Mehrheit. Es geht nicht um eine Verharmlosung der Gefahren, die durch AfD-Mehrheiten drohen, es geht um etwas Gelassenheit, um weniger Schaum vor dem Mund. Die AfD ist bislang ausschließlich durch Kritisieren und Schlechtreden aufgefallen. Viele ihrer Konzepte sind weder finanzierbar noch rasch umsetzbar. Mit einer derartigen Haltung ließe sich gewiss kein Staat machen.