Das muss man lesen
Von Sven Regener bis Elke Heidenreich: Unsere Buchtipps für September 2026
Er hat es wieder getan! Sven Regener lässt seinen unvergessenen Herrn Lehmann samt Bruder durch das Berlin der Vergangenheit taumeln... Mehr Tipps für die ersten Bücher des Herbstes finden sich hier.

1 von 15
1/15 - Erfolg ohne Ende: Mitte September startet die ARD-Serie "Babylon Berlin" in ihre fünfte Staffel - die Fans warten schon fiebrig. Wer wissen will, wie die Zwanziger und Dreißiger wirklich waren, ohne inszenierten Glamour und die Gesetze der Kolportage, der sollte als Zeitzeugen den damaligen Kritiker und Journalisten Siegfried Kracauer aufrufen. Dessen hellsichtige Beschreibungen und Urteile über alles, was er während der Weimarer Republik auf den Straßen, in den Schaufenstern, in Theater und Kino wahrnahm, sind immer noch bestechend schlau und genau. Jens Wietschorke lädt in seinem Buch "Chronist der wilden Jahre" zu einem anregenden Spaziergang auf Kracauers Spuren ein. (Reclam, 28 Euro) Wolf Ebersberger © Reclam; Joe/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

2 von 15
2/15 - Als wir Herrn Lehmann das erste Mal begegnet sind, war er knapp 30 Jahre alt und schleppte sich melancholisch durch Westberlin kurz vor dem Mauerfall. Sven Regener, Frontmann der Band Element of Crime, hat 2001 mit dieser sympathischen Gestalt einen Anti-Helden geschaffen, der uns mit den Jahren immer vertrauter wurde. Denn Regener legte regelmäßig nach. Nun erscheint mit "Frankie und Freddie" der neueste Band. Wir sind zurück im Jahr 1980, die Brüder Lehmann mäandern durch das vorweihnachtliche Berlin. Es wird wie immer vor allem diskutiert, über Großes und Winziges, über zarte Gefühle und kleine Missgeschicke. Die Dialoge waren schon mal witziger, und doch: Die alte Vertrautheit ist gleich wieder da. (Galiani, 24 Euro) Gabi Eisenack
© Galiani; wal_172619/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

3 von 15
3/15 - Elke Heidenreich, 83 Jahre alt und fleißig am Aufräumen ihrer Schubladen, ist mittlerweile bei den Vor- und Nachworten angelangt, die sie im Lauf ihrer Karriere schrieb. Und wie sich die Kritikerin einst für andere Autoren wie die amerikanische Spötterin Dorothy Parker oder den durch seine Arbeit mit Fellini bekannten Italiener Ennio Flaiano, für den trinkseligen Waliser Dylan Thomas oder den nach dem Krieg politisch obsoleten Gottfried Benn eingesetzt hat, das liest man noch immer gern und mit Gewinn. "Ach, eine Fanfare!" ist der Titel dieser gesammelten Liebesbekenntnisse. Und die halten sich doch viel länger als Schmähungen... (Hanser, 26 Euro) Wolf Ebersberger © Hanser; Photorama/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

4 von 15
4/15 - Wie ist das, wenn ein alter Konflikt ein neues Leben überlagert? Oder die Politik das Privatleben? In jedem Fall nicht vergnügungssteuerpflichtig, lautet die Antwort, die Mirko Bonné in seinem Roman "Kanzlerkino" liefert. Er beschreibt Deutschland zur Wendezeit, Hauptschauplatz ist Bonn. Im Mittelpunkt steht der kometenhafte Aufstieg von DDR-Flüchtling Bernd Vomturm, der immer näher an Kanzler Viktor Breugel (der mehr Gegensätze als Ähnlichkeiten zu Helmut Kohl hat) heranrückt. Privat übt Vomturm mit Briefen Rache an seinem ehemaligen Freund aus Jugendtagen in Karl-Marx-Stadt, weil dieser einst als IM auf ihn angesetzt war... Wer sich für deutsch-deutsche Irrungen interessiert, wird gut unterhalten! (Schöffling, 25 Euro) Michael Husarek © Schöffling; Peggy/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

5 von 15
5/15 - Ein Italienbuch, aber mal ganz anders: Leos italienische Oma führt in der Lombardei ein etwas in die Jahre gekommenes Hotel. Sie hilft in der Küche und putzt die Zimmer – und muss ohnmächtig mit ansehen, wie ihre Familie am Alkoholismus des Vaters fast zerbricht. Als dann die junge Geigenbauerin Dolores auftaucht, verliebt sich Leo Hals über Kopf in sie. "Der Tag war schön und ich dachte an dich" von Sofia Montrone ist ein wundervoller Coming-of-Age-Roman mit einer Sprache so zärtlich wie der Sonnenuntergang, den die Gäste jeden Abend von der Terrasse des Hotels aus beobachten. (Rowohlt, 24 Euro) Armin Jelenik © Rowohlt; djedj/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

6 von 15
6/15 - Ist das nicht ein Fall für den Tierschutz: sein Hündchen in einen Wollpulli stecken, auf dem dann auch noch "I love cheese" steht? Alison Friend tut dies, aber ganz liebevoll, und ja auch nur auf ihren lustigen Gemälden. Herzerweichend blicken uns diese kleinen "Hunde in Öl" (DuMont, 26 Euro) an, mit Kulleraugen und all den kuriosen Kostümierungen, die ihnen ihre Besitzer überziehen. Es kommt einem aber schnell der Verdacht, dass diese Porträts der englischen Malerin, die immer wieder an den feinen Humor von Michael Sowa erinnern, gar keine Tiere zeigen, sondern uns Menschen... mit allen Marotten! Welche Dackeldame legt sich schon gern Gurkenscheiben auf die Augen? Wolf Ebersberger © Dumont; Gentle Dog Trainers/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

7 von 15
7/15 - Übergriffige, aufdringliche, rassistische Männer, die gibt es überall – auch in der Uni-Welt. Doch was passiert, wenn sich eine (hier schwarze) Frau gegen männliche Diskriminierung und Erniedrigung wehrt und sich die kleinen wie großen Beleidigungen nicht mehr gefallen lässt? Die Dozentin und Doktorandin Yrsa schlägt zurück, indem sie ihre Gegner einfach tötet. Erst trifft es einen Cambridge-Professor, der die Forschungsergebnisse ihrer Freundin als seine ausgibt. Dann folgen weitere Opfer. "Honey" ist ein ziemlich wilder Debütroman von Imani Thompson, die selbst Soziologie in Cambridge studiert hat – und diese Mischung aus Rachegeschichte, Krimi und Hochschul-Analyse funktioniert ganz wunderbar! (Rowohlt, 25 Euro) Sabine Ebinger © Rowohlt; Michal Jarmoluk/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

8 von 15
8/15 - Überlebensgroß auf einer Leinwand sieht Novana, die junge Ärztin, ihre verschollene Mutter. Als Kind war sie von ihr verlassen worden, jetzt ist Novana nach Taiwan ausgewandert, das Heimatland eben dieser Mutter – im Herzen eine große Lücke, drumherum eine härtere Schale. Bis Sihan kommt, um sie aufzubrechen. Unaufgeregt schildert die in Göttingen geborene Autorin Leh-Wei Liao in ihrem Roman "Glaszeit" diese innere Reise, die ein Fühler-Ausstrecken ist, zu anderen, vor allem aber zu sich selbst. Die Suche nach einer Heimat, die manche Menschen ganz selbstverständlich haben und andere nicht, rührt einen an. Ein starkes Debüt, das bereits für den Deutschen Buchpreis 2026 nominiert ist... (Luchterhand, 24 Euro) Anette Röckl © Luchterhand; Duc Nguyen/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

9 von 15
9/15 - Mit Christopher Nolans Kinohit "Die Odyssee" erlebt die Welt der griechischen Sagen neue Aufmerksamkeit. Wer auch starke weibliche Figuren aus Mythologie und Geschichte entdecken möchte, wird bei Kerstin Ehmers "Heldinnen der Meere" fündig. In sechzehn Porträts stellt die Autorin Frauen vor, deren Leben eng mit dem Ozean verbunden ist: von der Göttin Aphrodite über Virginia Woolf bis zur Forscherin Elisabeth Mann Borgese. Besonders die Vielfalt der Biografien und die hübschen Illustrationen des Buches überzeugen. Ehmers Stil ist sachlich und kenntnisreich, stellenweise nüchtern. Dennoch ist der hochwertig gestaltete Band eine lesenswerte Hommage an mutige, außergewöhnliche Menschen und ihre Beziehung zur See. (Mare, 34 Euro) Clara Grau © Mare: Pexels/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

10 von 15
10/15 - Die Küsse, das Herzflattern und Warten, all die Hoffnungen, Briefe und Telefonate, und plötzlich, wie durch ein Wunder, sind zwei Körper eins. Wenn die US-Autorin Lily King ("Euphoria") über die erste Liebe schreibt, ist man hautnah dabei, fiebert und freut sich mit - oder leidet eben. Zum Glück zeichnet sich auch ihr neuer Roman "Herz König" durch unbestechlichen Humor aus. Ihre Heldin, die ironischerweise erst im letzten Satz einen Namen bekommt (vielleicht weil sie erst dann ganz sie selbst ist), verliebt sich an der Provinz-Uni erst in den nerdigen Sam, dann in seinen besten Freund Yash. Zwanzig Jahre später wird es melodramatisch, traurig, einer stirbt. Was bleibt? Eine kluge Bilanz großer Gefühle. (Beck, 26 Euro) Wolf Ebersberger © C. H. Beck; Elly/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

11 von 15
11/15 - In der Provence kennt er sich bestens aus, und sein provenzalischer Kommissar Malbec gehört inzwischen zu den etablierten Figuren im Lokalkrimigenre: Der Nürnberger Autor Ralf Nestmeyer ist nicht nur ein renommierter Reisebuchautoren mit Spezialgebiet Frankreich, sondern eben auch ein guter Krimischreiber, der immer wieder Lokalkolorit mit spannenden Plots verwebt. Die inzwischen fünfte Auflage seiner Provence-Krimis führt ins "Nachtschwarze Avignon", wo Malbec einen entführten Historiker aufspüren muss. Dieser ist einem finsteren Geheimnis der Päpste auf der Spur, die ja ein paar Jahrhunderte in Avignon residierten. Die nervenkitzelige Jagd durch den Untergrund der Stadt am Ende des Romans ist filmreif! (Emons, 14 Euro) Armin Jelenik © Emons; Marcel Dominic/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

12 von 15
12/15 - Nein, ein Krimi ist "Cold Case" von Alexandre Labruffe nicht, auch wenn der Ausgangsplot - ein Südkoreaner erfriert in Toronto auf der Flucht aus der Psychiatrie - ganz danach klingt. Als der französische Icherzähler eines Abends von seiner koreanischen Freundin vom Schicksal ihres Onkels erfährt, begibt er sich über drei Kontinente hinweg auf die Suche nach den Hintergründen des tragischen Todesfalls. Dabei geht es viel um asiatischen Geisterglauben und unerzählte Familiengeschichte. Wer absurde Stories und schräg-witzige Sprachbilder mag, wird an dieser Geschichte seine Freude haben. (Wagenbach, 24 Euro) Armin Jelenik © Wagenbach; Elias/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

13 von 15
13/15 - Hat nicht jeder "sein" Italien? Ein Land also der jeweils ganz eigenen Sehnsüchte, Erfahrungen, Genüsse? Eric Pfeil erzählt in seinem Reisebuch "Hotel Celentano" davon und das sehr anregend. Er hatte aber auch - beneidenswert - einen ganzen Sommer Zeit, um bis nach Sizilien zu fahren und all die Orte, die ihm als Fan und frühem Italophilem wichtig schienen, zu besichtigen. Das Turiner Haus eben, wo Adriano Celentano geboren wurde, die Kanzlei in Asti, in der Paolo Conte als Anwalt anfing, der Strand von Fregene, wo Meisterregisseur Fellini das legendäre Ende von "La Dolce Vita" drehte... Dass die Wirklichkeit nicht immer hält, was der Mythos verspricht, war zu erwarten. (Kiepenheuer & Witsch, 17 Euro) Wolf Ebersberger © Kiepenheuer & Witsch; timmz/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

14 von 15
14/15 - Mélanie Bonis ist eine eher unbekannte französische Komponistin (1858-1937), die es tatsächlich geschafft hat, am Pariser Conservatoire Komposition zu studieren – mit Kommilitonen wie Claude Debussy und Erik Satie. Und die dort auch ihre große Liebe findet, was aber von den Eltern nicht toleriert wird. Die verheiraten sie mit einem älteren, zweifachen Witwer. Alissa Wenz, Schriftstellerin und selbst Musikerin, macht diese ungewöhnliche Frau zu einer Romanfigur. Geschickt verbindet sie in "Die Komponistin" historische Fakten mit Privatem und einer für damalige Zeiten gewagten Liebesgeschichte: ein ausdrucksvolles Porträt der Künstlerin, die ihre Werke noch unter einem Männernamen herausgeben musste... (Wagenbach, 24 Euro) Anja Weigmann © Wagenbach; Ralf Ruppert/pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid

15 von 15
15/15 - Issa und Grace sind beide 16 Jahre alt und haben unterschiedliche Probleme: Die eine hat Geldsorgen, die andere zu große Brüste. Zum Glück haben beide eine beste Freundin, mit der sie alles teilen können. Sie sind "Mädchen allein zu zweit", so auch der Titel von Daniela Dröschers Jugendroman, den man auch als Erwachsene*r sehr gut lesen kann. Denn in die lebensnah erzählte Coming-of-Age-Geschichte sind viele kluge gesellschaftspolitische Gedanken und Fakten eingewoben. Als Wissenshäppchen werden sie dabei in Graces "Handbuch" ganz ohne Klugscheißerei serviert – vom Klimaschutz bis zum Cum-Ex-Skandal. Das regt zum Nachdenken an, und zwar nicht nur Jugendliche. (Beltz & Gelberg, 18 Euro, empfohlen ab 14 Jahren) Anette Röckl © Beltz & Gelberg; pixabay/LizenzCC0; Montage: Sabine Schmid