
Ein Haus aus Zwangsvollstreckung – ja oder nein? Eine Frage, die sich viele Menschen auf der Suche nach einem neuen Zuhause stellen. Auch die Beihls stellten sie sich, als sie 1911 ihr Interesse an dem Haus Heerwagenstraße 17 bekundeten. In diesem Falle taten sie mit ihrer Entscheidung mitzubieten wohl ein gutes Werk: Nach dem Tod ihres Vaters 1907 war Elise Böhm auf dem unfertigen Gebäude sitzengeblieben. Alsbald häuften sich die Beschwerden der Mieter, die 1908 ihre Wohnungen bezogen hatten. Am Ende gelang es der Jungunternehmerin nicht, die vielen Baustellen abzuarbeiten, sodass sie ihr Geschäft aufgeben musste.
Die leidige Baustelle in der Heerwagenstraße war sie unterdessen los – und ihre Bankschulden dadurch etwas geringer. Denn tatsächlich hatte Georg Beihl, von Beruf Kaufmann, den Zuschlag erhalten. Noch im Jahr der Versteigerung bezog er mit seiner Frau Kunigunda und Töchterchen Olga die Wohnung im ersten Stock des Hauses. In einem Teil des Erdgeschosses richteten die Eltern sich überdies ein Büro mit Telefonanschluss ein, von dem aus sie ab 1914 die Geschicke ihrer Handlung für Brauereimaschinen steuerten. Später übernahmen Maria Peses Eltern, Olga Beihl und ihr Ehemann Martin Eberle, Haus und Firma. Sie besteht bis heute in Schwarzenbruck fort.
Über die Jahre sahen die Beihls viele Mieter kommen und gehen. Einige aber blieben für immer. Die langjährigste treue Seele im Haus zog 1929 mit ihren Eltern ein und starb 2014 im gesegneten Alter.
Sieht man sich die historische Fotografie an, kann man schwer glauben, dass der reiche Schmuck in Jugendstil- und Empire-Formen nur die abgespeckte Variante dessen war, was der Architekt Gustav Hübler zuerst geplant hatte. Neben dem Sandsteinkellersockel akzentuierten profilierte Gesimsbänder, geschwungene Einfassungen für Fenster und Türen und Relieffelder mit von Blatt- und Rollwerk eingefassten Medaillons die Fassade. Das Ochsenauge im Schweifgiebel umschlang eine Blattgirlande. All diese Pracht bestand indes aus Stuck. Als die Fassade in den Nachkriegsjahren erneuert wurde, verschwand das meiste davon, die Rahmungen im Erdgeschoss hat man in veränderter Form erneuert. Allein die beiden Maskarons an den Konsolen der viertelrunden Erker durften bleiben.
Ohne Charme und Charakter ist das Haus dennoch nicht. Die lebhaften, bewusst malerischen und dennoch vornehmen Formen der Fassade mit dem unverkennbar geschwungenen Giebel sind geblieben und bezeugen in Gemeinschaft mit den Nachbarhäusern die Gestaltungsfreude der vorletzten Jahrhundertwende.
Noch heute ist die Heerwagenstraße 17, nun in vierter Generation, im Familienbesitz. Ein Eigentum, das dereinst aus einer Notlage entstand, ist Teil der Familie geworden – ein Ort zum Arbeiten, zum Leben, zum glücklich Altwerden in einem der intaktesten historischen Quartiere unserer Stadt.
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