Berlin - Das mutmaßlich islamistische Attentat auf den Berliner CSD hat mindestens einen Menschen und den Tatverdächtigen das Leben gekostet. Harald Baumer geht in seinem Kommentar der Frage nach, was nun geschehen muss.
26.07.2026 14:24 Uhr

Fassungslosigkeit: Das war vermutlich die erste, sehr angemessene Reaktion der meisten Menschen, als die zunächst noch unklaren Meldungen über den Anschlag auf den Berliner Christopher Street Day (CSD) veröffentlicht wurden. Es gibt ja leider inzwischen eingeübte Muster, die man als Unbeteiligter nach solchen Taten durchlebt, selbst wenn man sich in großer räumlicher Distanz zum Geschehen befindet.

Auf die Fassungslosigkeit folgen die Wut, die bohrenden Fragen nach dem Hintergrund und den Motiven der Tat sowie nach eventuellen Sicherheitsmängeln - und schließlich die Frage, was das mit unserer Gesellschaft anrichtet. Leider sind fast alle Antworten darauf wenig beruhigend. Sie werden es mit jedem derartigen Attentat immer weniger.

Tatverdächtiger wird laut Polizei der islamistischen Szene zugeordnet

Die Behörden sprachen noch in der Nacht davon, der 21-jährige Tatverdächtige sei „polizeibekannt“ und erst im Mai aus dem Jugendarrest entlassen worden. Er werde „der islamistischen Szene in Berlin zugerechnet“. Das ist alles noch nicht abschließend geklärt. Allerdings gibt es inzwischen eine lange Serie von Anschlägen aus dem Umkreis des Islamismus - und daraus resultierend die Erkenntnis, dass die Szene so gründlich wie möglich beobachtet und so weit wie möglich ausgetrocknet werden muss.

Wer vor dem Attentat auch nur am Umfeld des Berliner CSD vorbeikam, der konnte jede Menge Absperrungen und eine riesige Zahl von Polizeikräften beobachten. Ein generelles Unterschätzen der Gefahrenlage scheint auf den ersten Blick nicht vorgelegen zu haben. Wenn, dann war es eine einzelne, jedoch fatale Sicherheitslücke. Es wäre aber auch eine Illusion, zu denken, einen Zug mit Hunderttausenden von Teilnehmern lückenlos absichern zu können.

Zumal sich immer mehr das Auto als häufigste, gefährlichste und überaus infame Waffe durchsetzt. Autos kann man nicht verbieten, jeder ist in der Lage, sie zu benutzen, man muss sie sich nicht auf Wegen beschaffen, die einen frühzeitig verraten könnten, und sie richten extremen Schaden an. Auch hier gilt: Wir können unsere Städte nicht komplett verpollern.

Schließlich die schwierigste Frage: Was macht das mit unserer Gesellschaft? Misstrauen und Angst wachsen in der Bevölkerung völlig zu Recht. Angeblich einfache politische Lösungen verschaffen den Extremen bei Wahlen Stimmen. Die offene Lebensweise ist bedroht, wenn man sich auf Weihnachtsmärkten, im ICE und beim CSD nicht mehr unbeschwert aufhalten kann.

Nur eine breite Front an Maßnahmen kann die Gefahren reduzieren

Was kann helfen? Nur eine breite Front an Maßnahmen: gründlichere Überwachung bereits auffällig gewordener Menschen mit radikaler Gesinnung; härtere Strafen; rasche Abschiebungen, soweit es sich um nichtdeutsche Staatsbürger handelt; Programme zur De-Radikalisierung; mehr Bildungsangebote und damit Aufstiegschancen für Jugendliche aus schwierigen Milieus; laufende Verbesserung der öffentlichen Sicherheit, auch durch Kameraüberwachung. Das alles reduziert die Gefahr, schafft sie aber nicht ab.