
Würden wir Hans Mühlmeier, den Verleger unserer alten Ansichtskarte, heute vor seinem früheren Schreibwarenladen in der Oberen Mentergasse 11 aussetzen, er würde sich im Leben nicht zurechtfinden. Denn die Nürnberger Südstadt, wie er sie kannte, gibt es nicht mehr.
Zu Mühlmeiers Zeiten waren die Häuser westlich der Kreuzung Heyne- und Landgrabenstraße allesamt nigelnagelneu. Alles begann mit dem Eckhaus Heynestraße 30 (auf unserem Bildvergleich jeweils links). Baumeister Michael Amtmann errichtete es – vielleicht nach eigenem Plan – 1895. Den Erker, der die Gebäudeecke aufhübschte, versah er überreich mit Ornamentreliefs im Nürnberger Stil, die so fitzelig, ja teppichartig wirken wie an einem Maya-Tempel. Im Erdgeschoss eröffnete Gastwirt Peter Pfeuffer 1896 seine Bierkneipe „Zum altdeutschen Michel“, während Amtmann die Nachbargrundstücke Landgrabenstraße 68 und 70 mit weiteren Mietshäusern zubauen ließ.
Ein mächtiger Viergeschosser mit vornehmer Fassade sticht heraus
Aus der Reihe der Gebäude gegenüber sticht der mächtige Viergeschosser Landgrabenstraße 63/65 mit seinen vornehmen Fassaden mit Erkern im Stil der Neorenaissance und dem Telefonmasten auf dem Dach heraus. Erbaut 1897 bis 1898, gingen die beiden Haushälften bald nach Vollendung an unterschiedliche Eigentümer: den Wirt Johann Denzinger und den Metzgermeister Georg Felsner.
Einen fiesen Fallstrick selbst für den Experten stellen die beiden Häuser rechts vorne mit ihren roten Klinkerfassaden, spätklassizistischem Bauschmuck und Mansarddächern dar: Die sind nämlich viel jünger als sie aussehen. Sie wurden erst im Jahr 1900 nach Planung des Bauingenieurs Mathias Breig verwirklicht.
Und was nun stellt der unscharfe Koloss im Hintergrund mit dem stolzen Turm dar? Eine Schule! Die Volksschule Melanchthonplatz, ein gewaltiger Dreiflügelbau mit imposantem Dachreiter, entstand 1899 bis 1900 nach Plänen des Baurats Heinrich Wallraff und war bis zu ihrer Zerstörung 1945 neben der Christuskirche eines der Wahrzeichen Steinbühls.
Damals ging praktisch alles, was unsere Ansicht aus der Zeit vor 1904 zeigt, im Hagel der Bomben und Luftminen unter. Der Wiederaufbau stand im Zeichen der „autogerechten Stadt“, dem nicht nur die Vorgärten weichen mussten. Hatte der unbekannte Fotograf unserer Ansichtskarte einst eine Frau mit Handkarren und ein Automobil aus dem Vorlagenbuch einmontieren müssen, muss man heute den richtigen Moment abpassen, um ein Foto dieser Ecke ohne Blechkiste zu erhaschen.
Auch baulich hat sich diese Ecke nach 1945 nicht gerade verbessert. Der Wiederaufbau ist sich hier in bestürzender Langeweile ergangen: Eine öde, pastellige Lochfassade mit flachem Satteldach reiht sich an die nächste. Einziger Lichtblick ist just der Nachfolgebau des ersten Hauses auf unserer Ansicht, die Heynestraße 30. Neben zahlreichen originalen Details wie dem bunten Fliesenspiegel, den auskragenden Blumenfenstern und der Eingangstür zur Gastwirtschaft im Erdgeschoss wartet der Bau von 1959 mit stylischer Leuchtreklame und herrlicher, fast schon subversiver Kunst am Bau von Georg Mayer-Pröger auf: Eingerahmt von Alpenpanorama und Nordseefrische steht da der Deutsche Michel, breitbeinig mit Zipfelmütze und Spazierstock, mit selbstzufriedenem Lächeln einem erfrischenden Seidla Bier zugewandt.
Wie lange es dieses Schmuckstück der Wirtschaftswunderzeit noch geben wird, hängt derzeit vom guten Willen des Eigentümers ab. Weder der Denkmalschutz, noch das örtliche Baurecht halten ihre Hand über den Michel. Hoffen wir also das Beste. Dieses Eck Nürnbergs kann ein bisschen Historie und Kunst dringend brauchen.
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