
Das mittlerweile schon traditionelle Juli-Literaturevent der Gunzenhäuser Kanzlei Meyerhuber im Kastaniengarten der ehemaligen Villa Schmidt war wieder einmal eine kleine Offenbarung für alle, die die Magie erzählerischer Räume lieben, schreibt die Stadt Gunzenhausen in einer Pressemitteilung.
Vor gut einem Jahr hatte Piet de Moors Roman „Gunzenhausen“ in der lokalen Berichterstattung noch Kritik einstecken müssen, nun setzte sich das Dreigestirn aus Touristikchef Wolfgang Eckerlein, Rechtsanwalt Holger Johannes Pütz-von Fabeck und Literaturwissenschaftler Manuel Grosser mit dem kontroversen Werk auseinander. „Gerade der Schauplatz des Abends, das Gebäude, in dem der amerikanische Kultautor J. D. Salinger kurz nach Kriegsende Dienst tat, verlieh der Veranstaltung eine besondere Atmosphäre“, so der Initiator des Events Holger Johannes Pütz-von Fabeck. „Denn in ‚Gunzenhausen‘ spielt der Autor die zentrale Rolle.“
Jerome David Salinger (1919 bis 2010) veröffentlichte 1951 seinen einzigen Roman: „Der Fänger im Roggen“. Der damals 32-Jährigen wurde weltberühmt. Salinger hatte kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ein halbes Jahr in Gunzenhausen verbracht. Als Special Agent des Counter Intelligence Corps (CIC), eines Nachrichtendienstes der US-Armee, residierte er in der Rot-Kreuz-Straße 12 - angeblich mit einem Manuskript seines Kultromans in der Reisetasche.
Prinzipiell darf Kunst alles, sagt auch ein Kritiker des Romans „Gunzenhausen“
15 Jahre nach Salingers Tod schilderte der Belgier Piet de Moor in einem Roman „das Leben des J.D. Salinger, von ihm selbst erzählt“, wie es im Untertitel heißt. Und hat dabei für Kenner der Örtlichkeit und deren Geschichte, etliche Male gehörig danebengegriffen, stellte der ehemalige Stadtarchivar Werner Mühlhäußer im „Altmühl-Boten“ fest. Er betonte aber damals schon, dass Kunst prinzipiell „alles“ dürfe.
Piet de Moor nimmt also die historische Figur Salinger und webt ihr eine erdachte Vergangenheit vor den realen Kulissen der Nachkriegszeit auf den Leib. Aber darf man das? Und wenn ja, wie weit darf literarische Freiheit reichen? Darüber wurde beim Literaturevent gegrübelt: Über die Ortsgrenzen Gunzenhausens hinaus wurde vor allem die metareflexive Ebene des Romans gepriesen, heißt es von der Stadt. Man habe hier einen „anspruchsvollen Text, der als gelungene Auseinandersetzung mit den Strukturen der deutschen Nachkriegsgesellschaft gelesen werden kann“. Erinnerungskultur, Schuld und kollektives Schweigen verbinden sich hier zu einem bewegenden Erzählexperiment.
Die Romanfigur J. D. Salinger erzähle in eindrucksvollen Bildern von schicksalhaften Erlebnissen und das Erdachte breche in wunderbaren Sprachbildern in die Wirklichkeit ein. Was bleibt, sei nicht weniger als ein Erlebnis, das Leserinnen und Leser mit inneren Konflikten, Erinnerungen und Zweifeln konfrontiert.
Das Literaturevent hat laut Stadt sogar im Vorfeld für Aufmerksamkeit gesorgt: Ein Redakteur der niederländischen Nachrichtenwebsite Duitsland Vandaag meldete sich, was ein wunderbares Zeichen dafür sei, „wie sehr Literatur Nischen besetzt und Räume für tiefgründige, leidenschaftliche Debatten öffnet“. Der Geschichte Gunzenhausens wurde ein weiteres Kapitel hinzugefügt – eines, das die Kritik an Piet de Moors „Gunzenhausen“ ein wenig leiser werden lässt.





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