Nürnberg - Was wäre Gostenhof ohne sein Nachbarschaftshaus? Seit über einem Jahrhundert ziert der Neubarockbau zusammen mit der Dreieinigkeitskirche das Zentrum des Nürnberger Stadtteils. Derzeit laufen die Planungen für die Sanierung.
11.07.2026 14:00 Uhr

Noch heute künden die zwei fröhlichen Handwerksburschen zu beiden Seiten des Hauptportals in der Adam-Klein-Straße 6 davon, welchem Zweck das gewaltige Bauwerk dahinter dereinst diente. 1913 begannen die Bauarbeiten für das Lehrlings- und Jungmännerheim für 120 Bewohner auf einem Grundstück, das der jüngst gegründete Trägerverein „Hauptstelle für Jugendfürsorge“ von der Stadt Nürnberg in Erbbaurecht erworben hatte. Wenige Monate vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 28. März 1914 konnte es feierlich seiner Bestimmung übergeben werden.

Architekt Leonhard Bürger gab dem stolzen Bau das Gepräge des Neubarock. Vorspringende Bauteile, Schweifgiebel und zwei Dachreiter mit Welschen Hauben (sie enthielten Ein- und Auslässe der zentralen Lüftungsanlage) nehmen dem gewaltigen Baukörper seine Schwere; fantasievoll verfremdete Pilaster, Gesimse, stuckierte fratzenhafte Maskarons und florale Fensterrahmungen verraten den Einfluss des Jugendstils, der in jenen Jahren seinem Ende entgegensah. In dem jetzt leeren Putzfeld im Hauptgiebel an der Adam-Klein-Straße prangte einst in großen Lettern das Wort „LEHRLINGSHEIM“.

Ansicht
<p>1913 stellte der Architekt seinen Entwurf unter anderem mit dieser fantastischen Ansicht vor. Kein Wunder, dass der Plan den Beifall des Trägervereins erhielt. </p> © Zeichnung: Leonhard Bürger /Stadt Nürnberg, Bauarchiv

Nachbarschaftshaus_1914
<p>Diese um 1914 herausgegebene Ansichtskarte zeigt das Lehrlingsheim kurz nach seiner Vollendung. Die Kolorierung stammt aus dem Pinsel des Retuscheurs, dürfte aber den originalen Zustand wiedergeben.</p> © Ansichtskarte: Franz Stöger /Sammlung Sebastian Gulden, A 912

In der Weimarer Republik teilweise für Stellen des städtischen Jugendamtes genutzt, wurde das Heim 1933 Opfer der Gleichschaltung der Nazis: Bis Kriegsende stand es ausschließlich Mitgliedern der Hitlerjugend offen. Nachdem es von 1945 an zeitweise als Quartier für unverheiratete Offiziere der US-Armee gedient hatte, schliefen und wohnten in seinen Mauern 1949 wieder 67 Handwerkslehrlinge. Doch auf den Boom des Handwerks in den Jahren von Wiederaufbau und Wirtschaftswunder folgte gut zwei Jahrzehnte später der Absturz. Die neue Mobilität auch der Berufsanfänger und die Unbeliebtheit starrer Heimstrukturen bewogen mehr und mehr Lehrlinge dazu, sich anderweitig eine Unterkunft zu suchen.

Nuernberg_Fuenfziger_Jahre_1950er_historisch_Leh
<p>Die Mehrzahl der Zimmer im Lehrlingswohnheim hatte vier Betten, zusätzlich gab es Aufenthaltsräume, einen Speiseraum und eine Bibliothek im Erdgeschoß. Der Lehrling auf unserem Bild hatte wegen einer leichten Erkrankung „Hausarrest“ und kam daher in den Genuss einer Kostprobe, welche ihm die Wirtschaftsleiterin direkt aus dem Topf anbot.</p> © Gertrud Gerardi

Für den erst in den 1970er Jahren renovierten Bau aber ergaben sich dennoch blendende Zukunftsaussichten: Gostenhof, das in jenen Jahren im Zuge der Stadtteilsanierung einen dramatischen Wandel durchlebte, war auf der Suche nach einem zentralen Ort der Begegnung, an dem Menschen unterschiedlichster Lebenswelten und kultureller Hintergründe aus dem Quartier zusammenfinden, einander kennenlernen und gemeinsamen Interessen nachgehen. 1981 zogen die ersten Arbeitsgruppen in die Räume ein. Das Nachbarschaftshaus war geboren! Seit nunmehr 45 Jahren bietet die Einrichtung im Herzen von GoHo ein breites kulturelles, soziales und sportliches Programm, von Töpferkurs über Georgisch für Anfänger bis zum Tanz für Senioren, ist Treffpunkt für Vereine und Beratungseinrichtungen in allen Lebenslagen.

Kleiner Saal_1965
<p>Um 1965 war der Kleine Saal im Hause noch weitgehend im Zustand der Jahrhundertwende erhalten, wenn auch mit erneuerten Tischen und Stühlen. </p> © unbekannt/Nachbarschaftshaus Gostenhof

Kleiner Saal_2025
<p>Heute zeigen sich die Innenräume stark modernisiert. Die kommende Sanierung soll dafür sorgen, dass das Haus und seine Technik weiter „up to date“ bleiben.</p> © Michaela Bauer

Um den vielfältigen Bedürfnissen seiner Nutzer auch weiterhin dienen zu können, braucht das Nachbarschaftshaus eine gründliche Frischekur. Neben dem Haus selbst sollen dabei auch der Hof und die angrenzenden Grünflächen überholt und um einen öffentlichen Pocket Park an der Kreuzung Kernstraße bereichert werden. Im Jahr 2028 sollen die Umbauarbeiten starten; die Fertigstellung ist für Ende 2029 avisiert.

Wir danken herzlich Michaela Bauer, der Leiterin des Nachbarschaftshauses, für ihre freundliche Unterstützung bei den Recherchen zu diesem Artikel.

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