Berlin - Beim Parteitag in Erfurt hat sich die AfD nach außen keine Blöße durch Streit oder allzu extreme Thesen gegeben. Das betrachtet Harald Baumer in seinem Kommentar aber nur als Taktik vor den Wahlen.
05.07.2026 13:56 Uhr

In ihrem öffentlichen Auftreten, vor allem auf Parteitagen, bei Interviews und Talkshows, hat die AfD in den zurückliegenden Monaten einen spürbaren Wandel vollzogen. Der interne Streit ist bei oberflächlicher Betrachtung kaum noch zu spüren, die rechtsextremen Parolen wurden zurückgefahren und die Spitzenkandidaten treten (wie neulich Ulrich Siegmund aus Sachsen-Anhalt bei Markus Lanz) als die netten Nachbarn von nebenan auf.

Auch der gerade zu Ende gegangene Parteitag in Erfurt war so perfekt durchorchestriert, dass die hässliche Seite der AfD kaum in Erscheinung trat. Doch niemand sollte sich täuschen lassen: Der vermeintliche Wandlungsprozess ist nur ein Kreidefressen vor den entscheidenden Landtagswahlen im Osten. Dort wollen sie unbedingt an die Macht kommen oder, wenn das nicht klappen sollte, wenigstens über weitreichende Blockademöglichkeiten verfügen.

Nichts ist verschwunden

Remigrationspläne, die Zerschlagung der deutschen Kulturszene, das in Teilen rechtsextreme Gedankengut, die Gefährdung europäischer und internationaler Zusammenarbeit - all das ist nicht verschwunden. Nach wie vor ist übrigens die AfD selbst in ziemlich rechten europäischen Kreisen ein Paria, etwa gegenüber dem französischen Rassemblement National und den italienischen Fratelli d´‘Italia von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Alleine das sollte einem schon zu denken geben.

Es sieht danach aus, dass die Partei bei den Landtagswahlen im Herbst mit ihren Verstellungskünsten erfolgreich sein wird. Gegenüber ihrer extrem rechten Klientel muss sie die Parolen gar nicht mehr wiederholen und zudem finden sich nun vermutlich auch noch einige gemäßigte Wähler, die auf das Schauspiel hereinfallen.

Möglich war das unter anderem deswegen, weil Alice Weidel als Partei- und Fraktionsvorsitzende inzwischen unglaublich viel Macht an sich gezogen hat. Das beweisen die 81 Prozent bei ihrer Wiederwahl, womit sie ihren Co-Chef Tino Chrupalla (70 Prozent) deutlich abgehängt hat. Weidel duldet jede Menge politische Extremisten in Fraktion, Partei und Mitarbeiterstäben, weiß dies aber gut zu kaschieren.

Es ist eine brandgefährliche Truppe, die sich da anschickt, Verantwortung zu übernehmen. Zu Recht wurde in Erfurt lautstark dagegen protestiert. Denn es wäre kein normaler Wechsel, wie ihn jede Demokratie leicht verkraften kann und sogar als positiven Anstoß immer wieder braucht. Es wäre ein Bruch mit einer Politik, die Deutschland jahrzehntelang vorangebracht hat, die allerdings jetzt in der Krise steckt.

Viele betreiben das Geschäft der AfD

Apropos Krise: Es wäre sicher auch hilfreich, wenn aus Zivilgesellschaft, Medien und den Reihen der Beteiligten selbst nicht jede Maßnahme der amtierenden Bundesregierung komplett kaputt geredet und vernichtet würde. Oft schon, bevor überhaupt Details bekanntgeworden sind. Wer das reflexhaft jeden Tag tut, der betreibt, ohne das zu wollen, die Geschäfte der AfD. Die heißen Spaltung, Zersetzung und Verhetzung.