
Der Bautechniker Johann Hertlein (Jahrgang 1860) hatte es vermieden, die genaue Adresse des Anwesens auf dem Blatt zu vermerken. Hertlein – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen, aber ungleich berühmteren Hausarchitekten von Siemens – war von Beruf Maurer und Steinmetz und machte sich 1887 mit Wohn- und Firmensitz in der Bulmannstraße selbständig. Später – er nannte sich nun offiziell „Architekt“ – gehörte er zu den produktivsten Planern im örtlichen Wohnhausbau in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Seinem Kopfe entsprangen zahllose Entwürfe für Villen und Mietshäuser in Nürnberg und Fürth, vornehmlich in Formen des Nürnberger sowie des Jugend- und Reformstils. Wie viele seiner Berufsgenossen trat er auch als Projektentwickler auf, ließ Mietshäuser nach eigenen Zeichnungen als Kapitalanlage errichten.
Im Falle des Hauses Lutzstraße 3, das 1911 am Rande der Einfamilienhaus-Kolonie der Deutschen Volksbaugesellschaft in Weigelshof errichtet wurde, handelte es sich allerdings um eine Auftragsarbeit. Im Gegensatz zu seinen Nachbarn, die auch damals schon ein Wörtchen bei der Baugenehmigung mitzureden hatten, krakelte der Bauherr seinen Servus einigermaßen leserlich unter die Zeichnungen: Georg Pirner war Zigarrengroßhändler und Vorsitzender des Spar- und Vorschußvereins zu St. Peter, wo er auch nach Vollendung des Neubaus wohnen blieb.
Das Haus war und ist denn auch keine Villa im strengen Sinne. Es ist ein Mietshaus mit je einer komfortablen Wohnung in den beiden Vollgeschossen und im unteren Teil der Mansarde. 1912 bewohnten es der Kaufmann Theodor Keller, Ernst Spanier, der ein Geschäft für Hüte und Putzwaren in der Rathausgasse 7 betrieb, sowie Hermann Karl Beckh, Assistent bei der Reichsbahndirektion Nürnberg, mit ihren Familien.
Wie bei einem Märchenschloss schmiegen sich die Baumassen an das Nachbarhaus
Wie bei vielen seiner Entwürfe griff Hertlein auch hier beherzt in die Trickkiste der damals modernen Reformarchitektur. Wie bei einem Märchenschloss schmiegen sich die durch Erker, einen Rückflügel, einen abgerundeten Treppenhausturm und einen bulligen Eckerker aufgelockerten Baumassen an das etwa ein Jahrzehnt ältere Nachbarhaus. Der Bauschmuck ist im Sinne des Jugendstils gehalten, eng begrenzt und kleinteilig, Farbigkeit und Haptik der Oberflächen – Sandstein, Strukturputz, Echtholz, Ton und Kupferblech – gestalten die Gesamtwirkung entscheidend mit. Dabei ist all das kein Selbstzweck, sondern aus der Funktion und der optimalen Wirkung für das Straßenbild abgeleitet.
Obwohl mit einem unflätig-knallroten „Ungültig!“ überschrieben, kamen Hertleins Pläne fast genauso zur Ausführung wie auf der Blaupause. Allein das Zierfachwerk an Zwerchhaus, Gauben und Treppenhausschacht wurde etwas abgespeckt. Und: Bis heute hat sich das Haus mit vielen schönen bauzeitlichen Details wie den Ornamentfeldern am Erkerturm und farbigen Bleiglasfenstern erhalten. Selbstredend steht es als Einzeldenkmal unter Schutz. Den originalen Mauerzaun, sofern er in der geplanten Form Realität wurde, hat man dagegen nach dem Zweiten Weltkrieg durch einen eher belanglosen Neubau ausgetauscht. Auch die opulente Wetterfahne fehlt, sodass der abgesetzte Spitzhelm des Erkerturms etwas unvermittelt im Nirgendwo endet.
Johann Hertlein würde sich gewiss noch heute am Anblick seines Werks erfreuen. 1924 ist er im Kreis seiner Lieben in seinem Heimatstadtteil Galgenhof verstorben. Seine beiden Söhne Michael und Friedrich führten das Büro ihres Vaters unter dem Namen „Johann Hertlein Nachf., M. & Fr. Hertlein“ fort.
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