Nashville/Tennessee - Bars, Saloons, Pubs - und überall Musik. Von früh morgens bis spät in die Nacht. Unser Autor hat sich ins kulturelle Oz der USA begeben - eine Odyssee durch die Geschichte der Musik und die Pubs in Nashville.
23.05.2026 08:05 Uhr

Mit rund 700.000 Einwohnern ist Nashville sowohl größte Stadt als auch Hauptstadt im US-Bundesstaat Tennessee. Zudem stößt man quasi überall auf den Titel „Music City“. Verirrt man sich nach Downtown, gelangt man unumwunden zu der Überzeugung, dass die Stadt den Titel zurecht trägt. Links und rechts des Broadways reihen sich Plattenläden an teils mehrstöckige Saloons, Burgerbars, Restaurants. In allen spielt Musik. In wirklich allen. Nicht ohne Grund nennt man den Broadway deshalb auch Honky Tonk Highway. Bereits tagsüber geht es hier zu wie auf dem Rummel.

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Der „Honky Tonk Highway“ bei Tag. © Stefan Besner

Auf dem Honky Tonk Highway in der Music City

Staunend wandelte ich eine ganze Weile über den Honky Tonk Highway in der Music City, – bis ich endlich das Visitor Center entdeckte. Das Gebäude sieht ein wenig aus wie der Eifelturm, wäre er von Aliens entworfen worden. Anstelle einer nackten Stahlkonstruktion ist das untere Drittel rundherum mit bläulichen Glasschindeln verkleidet. Man händigte mir die für mich hinterlegte Star Card aus (eine Art Freifahrtschein für Museen, Theater, Touren etc. Ich entschied mich für das National Museum of African American Music.

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Selbst Gitarren-Legende Jimi Hendrix hat es seinerzeit nach Nashville verschlagen. © Stefan Besner

Ohne Musik von Sklaven weder Beatles noch Taylor Swift

Bevor ich das eigentliche Museum betrat, komplementierte man mich ich ins Root Theatre, einen vorgelagerten mittelgroßen Kinosaal, wo ein Streifen mit dem Titel Roots die Geschichte der Afro-Amerikaner und ihrer Kultur, speziell der Musik, in holzschnittartigen Bildern beleuchtet. Mit sonorer Sachlichkeit erzählt eine körperlose Stimme von elf Millionen Männern und Frauen, die aus dem Gebiet südlich der Sahara über den Atlantik in die USA verschleppt wurden – und wie es diesen Leuten gelang, sich trotz menschenverachtender Bedingungen ihre Menschlichkeit zu bewahren, ihre Würde und ihre Kultur. Es wird lediglich erklärt, nicht angeklagt. Gerade diese von jeglichen schrillen Tönen entkernte Objektivität schafft eine völlig surreale Atmosphäre; als würde Sir David Attenborough kommentieren, wie sich Lawrence Gordon in Saw seinen Fuß absägt.

Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit erhielten sich die Verzagten irgendwie einen Funken Kontrolle im Sog jener Abwärtsspirale aus unverschuldeter Ohnmacht. Während der schweißtreibenden Strapazen auf den Plantagen sangen sie die Lieder ihrer Ahnen, ersannen neue und traten so unter der sengenden Südstaatensonne mal eben eine musikalische Revolution los, die bis heute nachwirkt. Ohne die Enkel und Urenkel jener tapferen Menschen, Pioniere wie Robert Johnson, Muddy Waters, Aretha Franklin, Bessie Smith, Miles Davis, Chuck Berry, Nina Simone oder Ray Charles, sähen die Charts heute ganz schön verhärmt aus. Die Beatles, die Stones, Dylan, Dolly Parton, Ed Sheeran oder Taylor Swift hätte es nie gegeben. Zumindest nicht in der Form, wie wir sie kennen. Es gäbe dann weder Blues noch Folk noch Country, keinen Jazz, kein RnB und auch keine Rockmusik. Die Music City wäre heute zweifelsohne eine völlig andere Stadt ...

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Folsom Prison Blues: Original-Lyrics © Stefan Besner

Im hochenergetischen Herzschrittmacher amerikanischer Kultur

Stattdessen ist Nashville ein Panoptikum irrer Farben und lauter Musik, die aus offenen Fenstern dröhnt. Je später die Stunde, umso lauter die Musik und greller die Farben. Schlendert man bei Nacht den Broadway entlang, überkommt einen unwillkürlich das Gefühl, in einem Paralleluniversum gelandet zu sein, das um ein paar Extradimensionen reicher ist im Vergleich zu unserer normalen Welt. Ein warmer elektrischer Wind bläst einem in den Rücken, die Netzhaut deiner Augen ist gleichermaßen überreizt und hingerissen von all den roten und blauen und grünen und gelben Schriftzügen und Gitarren und Mikrophonsymbolen und lasziv blinkenden, in die Luft gereckten Neonbeinen.

Hier jault ein Countrysänger von enttäuschter Liebe und seiner Flucht ins Whiskeyglas (Tennessee-Whiskey, selbstredend). Da singt eine junge Frau, fast noch ein Mädchen, allein mit ihrer Gitarre auf der Bühne von ihren Träumen und Ängsten – und nur ein paar Meter weiter heizt eine restlos hohldrehnde Fullband-Combo dem stampfenden, johlenden Publikum mit Highway to Hell so höllenmäßig ein, dass der Dampf aus dem Schuppen wie Sonnenwind in die Nacht entweicht. Die Music City pulst wie ein hochenergetischer Herzschrittmacher im Zentrum Amerikas. Man könnte monatelang durch die Gassen, Seitensträßchen, Absteigen, Saloons und Musikschuppen streifen, den ganzen in seiner fantastischen Tonlage schwingenden Honky Tonk Highway rauf und runter, rund um die Uhr, und man würde dennoch täglich etwas Neues entdecken. Nashville ist die destillierte Essenz amerikanischer Kultur; – ein abgedrehtes Oz der Musik im Malstrom einer aus den Fugen geratenen Realität, ein friedliches Mekka für alle Jünger des Country, des Blues, des Rock.

I hear the train a comin‘ ...

Aber die Mühlen der Geschichte stehen nicht still – und die nächste Generation drängt bereits ins Rampenlicht. Hier in Nashville feilen sie an ihrer Technik, ihrer Performance und lernen ihr künftiges Publikum kennen … Die Mega-Stars von morgen warten ebenso sehnsüchtig darauf, endlich geboren zu werden, wie all jene, denen zum Schicksal bestimmt ist, in der selben namenlosen Versenkung zu verschwinden, aus der sie gekommen sind. Oder, um es mit den Worten von Country-Legende Johnny Cash zu sagen: I hear the train a comin‘ …


Mehr Informationen:

https://www.tnvacation.com/

Anreise: Flug ab München nach Washington

Transferflug von Washington nach Nashville

Airline: United Airlines

Redaktioneller Hinweis: Die Recherche für manche Artikel in dieser Ausgabe wurde von Reiseveranstaltern, Hotels, Fluglinien oder Tourismusverbänden unterstützt.