
Es ist die vermutlich häufigste Rückmeldung bei Konzertkritiken: Warum schickt Ihr nicht jemanden hin, der mit der Musik etwas anfangen kann? Manchmal wird die Frage auch drastischer formuliert... Sie kommt meist von Fans, die den Auftritt erlebt haben, jedoch so ganz anders, als der Berichterstatter es beschreibt.
Wenn ein Konzertbesucher den Abend seines Lebens hat und ein Journalist zahlreiche Kritikpunkte findet, kann das ärgerlich sein. Wir könnten natürlich jemanden schicken, der selbst von der Band begeistert ist. Nur entstünde dabei kein lesenswerter Text, sondern eine Eloge im Stil einer PR-Abteilung. Vielleicht sogar mit der ältesten Überschrift des Genres: „Band XY rockte die Nürnberger Arena...“ Wer will das lesen? Zumal ein rein positiver Bericht genauso subjektiv ist wie ein Verriss. Klar kommen auch Konzerte vor, bei denen alles stimmt. Aber sie sind selten.
Besonders ein Verriss muss gut argumentiert sein
Rudolf Augsteins journalistische Maxime „Sagen, was ist“ ergibt bei kaum einer Textgattung so wenig Sinn wie bei der Konzertkritik. Neben objektiven Infos (Wie viele Zuschauer waren da? Wie lang dauerte das Konzert?) ist das Erleben entscheidend: Wie ist die Stimmung in der Halle? Hat die Band Spaß oder spult sie lustlos ihr Programm ab? Wie lässt sich die Musik am besten beschreiben? Wie fühlt sie sich live an? Diese Fragen lassen sich unmöglich neutral beantworten.
Menschen, die den Auftritt nicht gesehen haben, erleben ihn notwendigerweise durch die Augen des Kritikers - Menschen, die vor Ort waren, können der Kritik zustimmen oder sich an ihr reiben. Ein Verriss sollte gut argumentiert sein. Für einen Schreiber gilt nicht nur, dass er kein Fan sein sollte. Er darf auch kein Hasser sein. Idealerweise besucht er öfters Konzerte, so dass ein Vergleich möglich ist, und bereitet sich auf den jeweiligen Abend vor.
Allerdings sind Zuspitzungen, plakative Aussagen oder Ironie erlaubt. Sie tragen dazu bei, den Text unterhaltsam zu machen. Das kann schmerzhaft sein für echte Fans. Es ist aber im Sinne der Mehrheit der Leser. Und: Es kann alle treffen, unabhängig von der Musikrichtung.

2 Kommentare
Kantigenes
"Konzertkritiken" ist ein bißchen eng gefasst, wenn ihr nur von Pop-Kritiken, wie im Artikel oben redet. Ihr geht ja wohl zu "Veranstaltungen", also sinds wohl "Veranstaltungskritiken" mit einem soweit möglichen Unbefangenheitsanspruch.
Journalistenethos und -handwerk eben.
Gar nicht so einfach. Also hütet euch vor Influencern allermöglichen Geschlechts.
Eintagsfliegen mit engem Gesichtsfeld.
Und pflegt euere großen Meister, solang ihr sie noch habt: Heinzelmann, Heinold, Ruf, Jungkunz.
Sozusagen die journalistischen Erinnerungskulturträger.
14.05.2026 23:34 Uhr