
Mit dem Patriotismus ist das so eine Sache. Von oben verordnet, wirkt er vergiftet, von unten gewachsen manchmal gefährlich. Das wissen gerade die Deutschen, die in ihrer eigenen Geschichte als fanatische Patrioten zweimal die Welt in Brand gesetzt haben. Seitdem ist unser Umgang mit unseren nationalen Symbolen jedenfalls für die älteren Generationen belastet und verkrampft.
Dass die Jüngeren das anders sehen könnten, hat sich spätestens bei der Fußball-WM 2006 gezeigt, als sie unbeschwert das Land in ein Meer von Deutschlandfahnen tauchten. Wer das allerdings als Zeichen eines neuen, frischen Patriotismus verstanden hat, sollte nicht vergessen, dass diese Generation auf Events steht, auf Inszenierungen. Es ging weniger um Deutschland und mehr um den Spaß.
Das Ministerium muss an die Strafbarkeit erinnern
Das wissen sie auch im bayerischen Schulministerium. Das Haus hat auf Druck der CSU die Hymnenpflicht bei Abschlussveranstaltungen an Schulen angeordnet. Und sicherheitshalber darauf verwiesen, dass „die Verunglimpfung des Staates und seiner Symbole“, von Wappen, Fahne oder Hymne also, strafbar ist - bis zu drei Jahre Haft stehen darauf.
Es braucht offensichtlich die große Keule, damit nichts aus dem Ruder läuft. Allzu stark ist das Vertrauen der Ministerialen in den Patriotismus der Absolventen nicht. Und das zeigt den Denkfehler, dem die CSU unterliegt: Sie glaubt, sie könne etwas per Gesetz verordnen, das ein Gefühl ist, sich entwickeln, wachsen muss, das im Inneren entsteht, aus Überzeugungen heraus. Und das sich ganz unterschiedlich zeigen kann.
Ausgerechnet die CSU mal wieder, die anderen Parteien unterstellt, sie gängelten die Menschen, setzten auf Verbote oder irrlichternde Vorschriften. Das lässt sich durchaus als Doppelmoral, als scheinheilig einstufen. Zumal die CSU das Thema derart aufgeladen und als patriotische Existenzfrage überhöht hat, dass eine vernünftige Diskussion kaum noch möglich ist.
Sicher: Die Welt geht nicht unter, wenn an den Schulen zwei Hymnen vom Band laufen. Dass die Bayernhymne verpflichtend ist und ansonsten die Wahl zwischen Deutschland- und Europahymne besteht, mutet etwas seltsam an und wirkt, mit Verlaub, fast provinziell. Mit Blick auf die Welt und Europa ließe sich auch die europäische Hymne in den Vordergrund rücken - der europäischen Idee wegen, die Bayern und Deutschland retten könnte. Weil nationale Interessen zurücktreten müssen hinter dem großen Ganzen.
Das hat nichts mit Vaterlandsverrat zu tun oder mit fehlendem Patriotismus. Man kann sich als Deutsche oder als Bayer fühlen ohne Fahne vor der Haustür oder Hymne in der Schule. Man kann das Land schätzen und lieben für seine Menschen in ihrer Vielfalt, für seine demokratischen Errungenschaften, seine Verfassung, für seine Fähigkeit zu Lehren aus der Geschichte. All das ist patriotisch; Heimatliebe ist patriotisch im positiven Sinn. Ganz ohne überladene Symbole. Und ohne Zwang.

2 Kommentare
M95L
...jede Generation muss für sich entscheiden, was sie für Erhalt und Verteidigung ihrer zivilisierten Gesellschaft aufzuwenden bereit ist. Es sind schon so viele Zivilisationen im Laufe der Menschheitsgeschichte verschwunden. Es ist eine Frage der Anerkennung dessen, was ist...
08.05.2026 10:30 Uhr