Nürnberg - Natürlich sind die Herausforderungen an diese Regierung riesig - und an ihren Chef noch mehr. Dennoch konnte Friedrich Merz im ersten Jahr als Kanzler nicht überzeugen, kommentiert Alexander Jungkunz in seinem Contra.
04.05.2026 12:00 Uhr

Kann man wirklich ein „Contra“ gegen Friedrich Merz schreiben? Gegen einen Kanzler, dessen Koalition wohl tatsächlich das ist, was Markus Söder die „letzte Patrone“ der Demokratie genannt hat? Dürfen wir Medien den Regierungschef dieses zum Erfolg verdammten Zwangsbündnisses überhaupt schlechtschreiben?

Es wäre jedenfalls falsch und unprofessionell, mit Samthandschuhen über Merz zu berichten: Jeder Kanzler, jede Regierung braucht kritische Begleitung. Kritisch, nicht hämisch oder gar schadenfroh: Wem an einer guten Zukunft unseres liberalen Rechtsstaats gelegen ist, der muss dieser Koalition, diesem Kanzler Erfolg wünschen.

Für Merz gilt: Erst denken, gern länger - und dann erst reden

Umso mehr aber muss man sich die Haare raufen über handwerkliche Fehler, die gerade Merz reihenweise unterlaufen. Da ist seine Art, zu reden: Ja, wir wollen keinen abgeschliffenen Kiesel, keinen „Scholzomat“ - aber: Es ist für einen Regierungschef oft besser, sich diplomatisch zu äußern. Heinrich von Kleist schrieb einst „über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“, zugespitzt: erst denken, lieber länger - und dann reden. Bei Merz wirkt es oft umgekehrt, und er muss dann viel zu viel Zeit aufs Aufkehren unnötiger Scherben verschwenden.

Bleiben wir buchstäblich bei Redens-Arten: Hochmut kommt vor dem Fall, etwas mehr Demut wäre hilfreich. Jeder Berater - es wirkt leider oft so, als habe Merz keine - würde ihm mehr Empathie empfehlen statt der zu oft abgehobenen Arroganz, mit der er über andere redet. Und bitte kein anmaßendes Selbstmitleid („Kein Kanzler vor mir hat ähnliches ertragen müssen.“)!

Vor allem aber: Ein Kanzler muss uns überzeugen, dass es besser werden kann, dafür soll er werben, im Idealfall begeistern. Er sollte die Menschen nicht niederdrücken oder beschimpfen. Wir brauchen einen Mutmacher, keinen Umuts-Verstärker. So aber kommt Merz für viele rüber: als Ab-Kanzler, der Olaf Scholz zurief: „Sie können es nicht.“ Wer so über andere urteilt, der muss ebenso harte Kritik akzeptieren.

Merz selbst sprach nun von den Mühen des ersten Jahres, das auch andere - eigentlich alle - Kanzler erlebten. Auch jene Kanzlerin, die sich jede eigene Reform-Mühe sparte - was ihren Nachfolgern zu schaffen macht. Merz muss liefern, der Druck ist enorm. Er hätte es einfacher, stünde er sich nicht zu oft selbst im Weg.