
Vor knapp 80 Jahren hat der amerikanische Soziologe Robert K. Merton den Begriff der „selbsterfüllenden Prophezeihung“ („Self-Fulfilling Prophecy“) erfunden. Das meint nichts anderes, als dass aus häufig wiederholten Erwartungen nach einer gewissen Zeit durchaus Tatsachen werden können. Oder anders formuliert: Man muss nur lange genug über etwas reden, dann beeinflusst es das eigene Verhalten so sehr, dass dieses Ereignis schließlich auch eintritt.
In Deutschland erleben wir zur Zeit ein Massenexperiment der selbsterfüllenden Prohezeihung. Seit Monaten sprechen Politikerinnen und Politiker - zunächst nur in Berlin unter sich, dann immer öfter in der Öffentlichkeit - über ein mögliches Ende der schwarz-roten Koalition. Und so langsam erscheint das auch immer wahrscheinlicher.
Noch hat die Regierung nicht mal ihren ersten Jahrestag erreicht
„Die Geduld ist endlich“, raunte CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann, „So kann man nicht zusammenarbeiten“, sagte SPD-Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die Koalition werde „ganz sicher“ nicht vier Jahre durchhalten, kündigte der christdemokratische Abgeordnete Christian von Stetten an. Zitate dieser Art lassen sich in großen Mengen finden. Obwohl die Regierungskoalition gerade mal vor ihrem ersten Jahrestag steht.
Nun veröffentlichte das Meinungsforschungsinstitut Insa eine Umfrage, laut der auch 58 Prozent der Bundesbürger nicht mit einer vollen Legislaturperiode bis zum Jahr 2029 rechnen. Magere 24 Prozent halten das für möglich. Weniger als ein Viertel der Bevölkerung traut also der Regierung Merz noch eine längere gemeinsame Zukunft zu. Darüber muss man sich nicht wundern.
Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Für die schlechte Stimmung sind durchaus harte Fakten verantwortlich, etwa das langsame Reformtempo und die extrem unterschiedlichen Vorstellungen von Union und SPD in vielen Bereichen. Aber zu diesen ohnehin schon gravierenden Problemen gesellt sich dann noch das andauernde Endzeitgerede. Beides zusammen zerstört jede Vertrauensbasis.
Es stellt sich die Frage, warum sich nicht jeder einzelne der Betroffenen derartige Äußerungen verkneift, so schwer es ihm auch fallen mag. Denn diese Drohungen bringen kaum etwas. Dass die Lage sehr ernst ist, wissen sowieso alle. Eigentlich müssten die Fraktions- und Parteivorsitzenden gemeinsam an ihre Mitglieder appellieren, nicht ständig das Ende der Koalition anzukündigen.
Wer nicht an sich selbst glaubt, der kann nicht erfolgreich sein
Von Altkanzler Gerhard Schröder stammt aus der schwierigen Zeit seines letzten, von manchen längst für verloren gegebenen Wahlkampfes 2005 die Bemerkung, wer nicht an sich selbst glaube, der könne gleich aufgeben. Er hatte Recht damit und kam am Ende noch bis auf einen Prozentpunkt an die Union heran. Schröder ist in manchen Belangen wahrlich kein gutes, sondern eher ein abschreckendes Beispiel. Aber in Sachen Kampfgeist könnten die momentan Regierenden etwas lernen.


1 Kommentar
gh
Tja, was soll man erwarten. Der Politzirkus heißt ja nicht umsonst so. Zudem x-mal pro Woche die neuesten Umfrageergebnisse, die Stimmungen im gleichen Takt verstärken und natürlich auch mancher Mandatsträger dadurch sein Mandat gefährdet sieht und entsprechend zappelig wird.
07.05.2026 20:36 Uhr