Nürnberg - Die Union schlägt vor, den 1. Mai als Feiertag zu streichen. Kein harmloser Eingriff ins Kalenderblatt, sondern ein Angriff auf Arbeitnehmerrechte, mahnt Jannik Westerweller in seinem Contra-Kommentar.
01.05.2026 03:55 Uhr

Klar, man könnte den 1. Mai abschaffen. Einfach streichen. Ein Feiertag weniger, ein Arbeitstag mehr, ein kleines Plus fürs Bruttoinlandsprodukt – so die Milchmädchenrechnung aus der liberalen Mottenkiste. Dabei ist der Tag der Arbeit nicht einfach irgendein Feiertag. Ihn abzuschaffen, wäre ein Fehler – politisch kurzsichtig, historisch ignorant und sozial fahrlässig.

Warum das so ist? Ein Blick in die Geschichte hilft: Denn dass der Tag der Arbeit auf den 1. Mai fällt, ist kein Zufall. Schon im Jahr 1886 gingen Arbeiterinnen und Arbeiter in den USA massenhaft auf die Straße. Ihre Forderung: unter anderem der Achtstundentag. Was folgte, waren Repression, Gewalt – und am Ende ein Symbol, das bis heute nachwirkt. Nämlich: ein Tag, der daran erinnert, dass gesellschaftlicher Fortschritt niemals von selbst kommt.

1. Mai: Kein einfacher Eingriff ins Kalenderblatt, sondern ein politisches Signal

Der Achtstundentag wurde erst Jahrzehnte später Realität, in den 1950ern erstreikten Gewerkschaften ihn in Deutschland. So wie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Mitbestimmung im Betrieb, Urlaub, sogar bezahlt. Heute ist all das so selbstverständlich, dass man leicht vergessen könnte, wie hart diese Rechte erkämpft wurden - und vor allem: von wem. Es war nicht „die Gesellschaft“ im Ganzen, die diese Rechte durchgesetzt hat. Es waren vergleichsweise wenige, die organisiert waren, die gestreikt, Druck gemacht, Risiken auf sich genommen haben. Heute profitieren alle davon.

Angenommen, es ginge den Befürwortern um wirtschaftliche Effizienz: Warum eigentlich den 1. Mai abschaffen und nicht einen verhältnismäßig unbedeutenden christlichen Feiertag? Fronleichnam zum Beispiel – ein Tag, dessen Bedeutung ohnehin kaum jemand kennt. Würde man gerade den Tag der Arbeit streichen, wäre das kein harmloser Eingriff ins Kalenderblatt, sondern ein verheerendes politisches Signal. Wer heute fordert, den 1. Mai als Feiertag abzuschaffen, will weniger Erinnerung und damit weniger Sichtbarkeit für genau jene Auseinandersetzungen, die diese Rechte überhaupt erst möglich gemacht haben. Es ist die leise Hoffnung, dass das, woran man nicht mehr erinnert wird, irgendwann auch nicht mehr eingefordert wird: nämlich die Rechte der Arbeitnehmer.