
„Söder isst“ - dieser Hashtag war eine Hausnummer in der Social-Media-Welt. Ob Döner, Schäufele oder Bratwurst, es ging fast immer deftig zu. Die Fotos des 59-Jährigen zeugten zum einen von sehr einseitigen kulinarischen Vorlieben, zum anderen von der Fertigkeit, über einen Umweg (Magen) politische Botschaften an jüngere Zielgruppen zu adressieren. Und, nicht zu vernachlässigen, die Posts des CSU-Chefs hatten stets hohen Unterhaltungswert.
Jetzt isst Söder nicht mehr - zumindest kündigt er eine Art Fastenzeit in den sozialen Netzwerken an. Man könnte auch sagen: Der bayerische Ministerpräsident erfindet sich mal wieder neu. Söders politische Laufbahn ist geprägt von Mutationen. Erst gab er Stoibers geflissentlichen Wadlbeißer (CSU-Generalsekretär), dann den latenten Provokateur (gegenüber Seehofer), gefolgt vom Bäume umarmenden Naturfreund, ehe sich die Phase des Grünen-Haters anschloss.
Nun folgt die Rolle des Staatsmanns - weil die Lage zu ernst sei
Und nun? Folgt der staatsmännische Söder. Zumindest begründet das Ende des öffentlichen Essens (und wohl auch Singens) so: Die Lage sei zu Ernst, um weiterhin solch unterhaltsame Elemente einzustreuen. Man mag Söder mit Blick auf die geopolitischen Verwerfungen und die bislang eher hilflos wirkende innenpolitische Performance des Kanzler Friedrich Merz (CDU) nicht widersprechen. Nur: Im Umkehrschluss würde dieses Motiv (also der Ernst der Lage) ja bedeuten, dass es in den vergangenen Jahren lustiger zugegangen sei in der Welt der Politik.
Es muss also noch andere Motive für den Sinneswandel des CSU-Chefs geben: Ein Motiv kann durchaus Läuterung sein. Söder ist - entgegen manchem Vorurteil, das über ihn kursiert - in seiner gesamten Laufbahn lernfähig geblieben. Sich regelmäßig neu zu erfinden wäre ansonsten kaum möglich gewesen. Und das Leitmotiv des Juristen war dabei stets die Stimmungslage der Bevölkerung. Jüngstes Beispiel: Eine abgespeckte Form der Reichensteuer, bis vor kurzem vehement bekämpft vom christsozialen Chefstrategen, sieht er nun als diskutable Option an.
Ein weiterer Grund für für den Wandel zum betont staatsmännischen, neuerdings auch wieder sehr häufig Krawatte tragenden Ministerpräsidenten dürfte in den eigenen Reihen zu suchen sein. An der CSU-Basis war das Grummeln über die Selbstbeweihräucherung des Parteichefs immer vernehmbarer geworden - und dürfte der Landesleitung in München nicht entgangen sein. Das zum Oktoberfest einspielte Liedgut hat im ein oder anderen Ortsverein zu Debatten geführt. Das Fass zum Überlaufen brachten missverständliche Äußerungen über die Qualität von einzelnen CSU-Kandidaten bei den jüngsten Kommunalwahlen.
Söders Wandel liegen also einige denkbare Motive zugrunde. Und eine Sorge kann allen Söder-Anhängern ohnehin genommen werden: Ein Rückzug aus der Social-Media-Welt oder gar aus den Talkshows dieser Republik ist nicht zu erwarten. Das ist so sicher wie die Tatsache, dass Söder weiterhin Bratwürste und Döner isst.

8 Kommentare
M95L
...das Chamäleon ist Ergebnis der Evolution. Ob das für den homo politicus Söder auch gilt? Es irritiert m. E. mehr, als für bessere Wahlergebnisse sinnvoll wäre...
30.04.2026 09:10 Uhr