Berlin - Nach langem Streit beschloss das Kabinett das neue Wehrdienstgesetz. Junge Männer werden künftig erfasst werden. Die Debatte um die Wehrpflicht lenkt davon ab, dass es vor allem eine stärkere Berufsarmee braucht, kommentiert Alexander Jungkunz.
27.08.2025 15:34 Uhr

Müssen junge Leute bald wieder „zum Bund“ oder, wie man vor langer Zeit sagte, „zum Barras“? Die Regierung stellte dafür die Weichen - ein bisschen. Ab 2026 werden alle jungen Männer angeschrieben, sie müssen dann Fragen zur Wehrtauglichkeit beantworten und können sich freiwillig melden, ab 2027 kommt etwas zurück, was auch als ausgestorben galt: die Musterung.

Eine Rückkehr zur Wehrpflicht gibt es nicht. Noch nicht. Die SPD bremst, die Union drängt. Für beides gibt es Gründe: Es fehlen Kasernen und Ausbilder. Aber: Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es die Wehrpflicht braucht, um die angepeilte Sollstärke der Bundeswehr zu erreichen. Von aktuell 180.00 soll sie auf 260.000 Berufs- und Zeitsoldaten steigen. Hinzu kommen sollen rund 200.000 Reservisten.

Wehrpflicht: Wehrpflichtige können zunächst nur Reserve sein

Daher ist die entscheidende Frage nicht: Wehrplicht - ja oder nein? Sondern: Gelingt es, die Zahl der Profis in der Armee rasch zu erhöhen? Es braucht mehr Berufs- und Zeitsoldaten. Die rekrutieren sich teils aus den Wehrpflichtigen - die aber eben nicht jene Kräfte sein können, die bei Einsätzen an vorderster Front stehen, sondern die Reserve stellen.

Daher muss der Dienst in der Bundeswehr insgesamt attraktiv sein, attraktiver werden. Und da wären Reformen wichtig, die Experten wie Sönke Neitzel bisher nur mit wenig Erfolg anmahnten: Die Truppe muss effizienter und weniger bürokratisch werden. Am Befund, dass Deutschland aktuell nicht wirklich verteidigungsfähig und noch weniger „kriegstüchtig“ (so das berüchtigte Wort von Verteidigungsminister Boris Pistorius) ist, hat sich in den gut drei Jahren des russischen Kriegs gegen die Ukraine wenig geändert.

Eine gute Nachricht für Putin. Er reagiert allein auf militärische Stärke, das belegen die Jahrzehnte seiner Herrschaft. Hat er keinen adäquaten oder überlegenen, sondern einen schwächeren Gegner, dann nutzt er diese Schwäche. Warum sollte er das tun? So fragen viele, die gegen Aufrüstung sind. Leider simple Antwort: Weil er es kann. Und es bisher immer tat, wenn es die Schwäche des Gegners erlaubte.

Viele Experten warnen daher vor einem Nadelstich Putins an der Ostflanke der Nato in drei, vier Jahren. Er rüstet weiter massiv auf, trotz der immensen Kosten und entsetzlich vielen Toten im Ukraine-Krieg. Menschen sind ihm egal, das zeigt jeder Tag seiner Herrschaft.

Putin reagiert nur auf Stärke

Also bleibt nur das, was ein lange friedensbewegtes und militär-fernes Deutschland lange und verständlicherweise nicht wollte: Aufrüstung. Mit Soldaten, die hoffentlich niemals zum Einsatz kommen - wie im Kalten Krieg, als die Bundesrepublik unter Willy Brandt fast 470.000 Soldaten hatte. Es war die Stärke des Westens, die damals den Zusammenbruch der Sowjetunion beschleunigte. Krieg ist wahrscheinlicher, wenn Deutschland nicht kriegsfähig ist: Das haben, was Umfragen zeigen, viele verstanden. Nun braucht es eine Politik, die daraus die Konsequenzen zieht - ob mit oder ohne Wehrpflicht.