
In den Sommern der 1970er Jahre (Tage und Nächte vom 1. Juni bis zum 31. August) erreichte die durchschnittliche Lufttemperaturen kein einziges Mal die 18-Grad-Marke. In den Sommermonaten zwischen 2013 und 2022 wurde diese Marke laut dem Deutschen Wetterdienst bereits fünfmal geknackt. Setzt sich der Trend fort und wird der Kampf gegen die Erderhitzung nicht intensiviert, könnten DWD-Szenarien zufolge ab 2070 jeden Sommer in Deutschland mittlere Durchschnittstemperaturen von rund 20 Grad erreicht werden.
Kühle Sommer künftig kälter als jetzige Hitzewellen?
Laut einer Modellstudie amerikanischer Klimaforscher, die im Jahr 2020 im Journal "Climate Change" veröffentlicht wurde, könnten in knapp 60 Jahren in einigen Teilen der Erde die Minimaltemperaturen der Sommer die heutigen Maximalwerte übersteigen. „Nach unseren Projektionen werden sich große Gebiete des Globus so schnell aufwärmen, dass Mitte dieses Jahrhunderts selbst die kühlsten Sommer noch heißer sein werden als die heißesten Sommer der letzten 50 Jahre”, erklärt Noah Diffenbaugh, Hauptautor der Studie vom Woods Institut der Stanford Universität.
Erwartungsgemäß sind die Tropen am stärksten von der Erwärmung betroffen. „Wir stellen fest, dass sich der unmittelbare Anstieg in der saisonalen Hitze in den Tropen ereignet“, erklärt der Forscher. „Bis zu 70 Prozent der Sommer im frühen 21. Jahrhundert übersteigen bereits die das Maximum für das späte 20. Jahrhundert.“ Aber: Auch der Großteil der europäischen Mittelmeer-Region sowie Chinas und Nordamerikas könnte bis 2070 bereits in ein Hitzeregime eingetreten sein.
Dieser dramatische Anstieg hätte freilich fatale Folgen für Menschen, Tiere und die Umwelt. Bereits die Hitzewelle des Jahres 2003 forderte in Europa rund 40.000 Todesopfer. Zudem sind starke Ernteausfälle zu erwarten.
Auch eine weitere Studie kam zu besorgniserregenden Erkenntnissen: Die jährliche Durchschnittstemperatur könnte in 50 Jahren für rund 3,5 Milliarden Menschen bei über 29 Grad liegen. Das berichteten Wissenschaftler um Marten Scheffer von der Wageningen University in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS). Besonders betroffen wären Südamerika, Afrika, Indien, Südostasien und Nordaustralien. Zum Vergleich: Forschern der National Academy of Science zufolge leben Menschen derzeit vor allem in Gebieten mit einer Durchschnittstemperatur von elf bis 15 Grad.
"Das Coronavirus hat die Welt in einer Weise verändert, die noch vor wenigen Monaten schwer vorstellbar war und unsere Ergebnisse zeigen, wie der Klimawandel etwas Ähnliches bewirken könnte", wird Scheffer in einer Mitteilung seiner Universität und der anderen beteiligten Forschungseinrichtungen zitiert. Zwar liefe die Veränderung weniger rasch ab, andererseits wäre anders als bei Corona in absehbarer Zeit keine Erleichterung zu erwarten.
Höhere Höchstwerte
Doch nicht nur die Mittelwerte steigen, auch die Höchstwerte: In den 1970ern wurde kein einziges Mal in Deutschland ein Wert von 40 Grad gemessen – dies war erstmals im Jahr 1983 an zwei Wetterstationen der Fall. Der Trend ist auch in dieser Cause eindeutig und besorgniserregend: Seit 2013 zeigten über 30 Stationen hierzulande diesen Wert an, konkret während der Hitzewellen in den Jahren 2015, 2019 und 2022. Experten erwarten, dass derartige Temperaturen in wenigen Jahrzehnten regelmäßig in den Sommern Deutschlands erwartet werden.
Wenigstens abends kühlt es ja dann angenehm ab. Oder? Nein, denn sofern die aktuelle Klimapolitik fortgesetzt wird, soll es laut dem DWD im Mittel zwischen drei und neun Tropennächte pro Jahr geben. Dieser Begriff wird für warme Nächte verwendet, in denen die Temperaturen nicht unter 20 Grad fallen. In den 1970er Jahren gab es im Schnitt 0,13 Tropennächte pro Kalenderjahr.
Warme Winter
Also: Höhere Durchschnittstemperaturen, extremere Höchstwerte und wärmere Nächte sind für die Sommer der Zukunft zu erwarten. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur betrifft allerdings auch den Winter. Nachdem in den Siebzigern nur in einem Winter über 3 Grad erreicht wurden, geschah dies seit 2013 schon viermal. Der Winter 2022/23 war laut DWD-Angaben der zwölfte zu warme Winter in Folge. Ändert sich global nichts am Umgang mit der Klimakrise, sind in 50 Jahren winterliche Durchschnittstemperaturen von rund 5 Grad möglich.
Direkt von diesem Anstieg betroffen ist die Anzahl der Eistage. Frost herrschte in den 1970ern laut dem DWD im jährlichen Mittel an 17,8 Tagen. Zwischen 2013 und 2022 kletterten die Temperaturen indes an durchschnittlich 12,6 Tagen pro Jahr nicht über die 0-Grad-Marke – und könnten bis 2070 sogar auf weniger als 10 Tage fallen.
Regen und Dürre
Zumindest eine Kategorie blieb über die vergangenen Jahrzehnte nahezu konstant: Die jährliche Niederschlagsmenge verändert sich nur minimal. Für die Zukunft prognostiziert der DWD einen vieljährigen Mittelwert in Deutschland von reichlich 800 Millimetern. Doch auch hier gibt es eine Veränderung – nämlich hinsichtlich der Verteilung: Im Winter gibt es mehr, im Sommer weniger Regen. Starkregen hat tendenziell zugenommen", sagt der DWD-Agrarmeteorologe Andreas Brömser. "Und wir gehen davon aus, dass er weiter zunehmen wird, weil die Atmosphäre bei steigender Temperatur mehr Wasser aufnehmen kann."
Bei der Dürre bleibt laut Brömser abzuwarten, ob sich die vergangen zehn trockenen Jahre nur als Schwankung oder als langfristige Entwicklung entpuppen. Dem Dürremonitor des Helmholtz Zentrums für Umweltforschung zufolge gab es auch im Deutschland der 1970er Jahre Zeiten, in denen die Böden bis in zwei Meter Tiefe sehr trocken waren – das war beispielsweise 1976 im Norden und Westen Deutschlands der Fall. In den vergangenen Jahren haben sich die betroffene Fläche und die Intensität vergrößert. Ob sich dieser Trend auch in Zukunft fortsetzt, ist schwer zu sagen. "Temperaturen sind einfacher vorherzusagen als Niederschlagsmengen", erklärt Brömser.